Humor ist das einzige Lösemittel für Schrecken und Spannung“, behauptete der amerikanische Schriftsteller James Thurber, und sein englischer Kollege Roald Dahl findet das „absolut richtig“. Er selbst ist als Verfasser von Kurzgeschichtenpointen bekannt geworden, die sich durch sparsamsten Gebrauch des Lösemittels auszeichnen. Ich gestehe, ich mag diese Sparsamkeit nicht. Ich mag es, wenn die Dosierung des Humors genauso verschwenderisch bemessen ist wie die des Schreckens und der Spannung. Beispielsweise in der Geschichte „Der Anhalter“, in der Dahl vorführt, wie man mit einem rasanten BMW in die Bredouille kommen und doch der Polizei ein Schnippchen schlagen kann, vorausgesetzt man hat den richtigen Anhalter aufgelesen. Oder in dem Kinderbuch –

Roald Dahl: „Sophiechen und der Riese“; Verlag Rowohlt, Reinbek; 208 S., 24,80 DM.

Dahl hält es für sein bestes, und nach kurzem Zögern, ob nicht „Danny oder die Fasanenjagd“, ein Vater-Sohn-Roman mit dem Vater in der Rolle des Lausbuben, um diesen Listenplatz konkurrieren könnte, stimme ich ihm zu. Die Jury zum Deutschen Jugendliteraturpreis hat „Sophiechen“ 1985 den Preis in der Sparte Kinderbuch zuerkannt.

An Schrecken gibt es genug für die unauffällige Heldin dieses auffälligen Buches, und entsprechend werden die Leser in Spannung gehalten. Ein Waisenkind mit dicken Brillengläsern, steht eines Nachts am Fenster des Waisenhausschlafsaals und sieht einen gewaltigen Schatten die Straße heraufkommen. Das Mädchen flüchtet sich unter die Bettdecke, aber schon ist die Kleine in der Hand eines Riesen, der mit ihr ins Riesenland eilt. Auf den Tisch seiner Höhle gestellt, befürchtet sie das Schlimmste. Es folgen höchstmerkwürdige Mittellungen über die Eßgewohnheiten eines Nachbarn mit aussagekräftigem Namen. „Der Knochenknackerriese mag nur menschliche Leberwesen aus Spanien.’ Beleidigt platzte sie heraus: ‚Wieso Spamer? Und warum nicht wir?‘ ‚Der Knochenknackerriese sagt, Spanier schmecken nach Spanferkel.‘“ Wen wundert es da, daß die „Leberwesen aus Berlin drinnen einen Klacks rote Mammilade“ haben und die Hamburger nach Frikadellen schmecken?

Ruhiger wird Sophiechen erst, nachdem sich ihr achtmetriges Gegenüber als GuRie vorgestellt hat, als der einzige GUTE RIESE im Riesenland. Daß er nie die Schule besucht und nie richtig sprechen gelernt hat, gibt ihr (und den Lesern) sogar die Chance, sich überlegen zu fühlen. Aber der Knochenknacker, der Kinderkauer und die anderen Monster, doppelt so groß wie der GuRie und nicht wie dieser mit Kotzgurken zufrieden, sind eine ständige Gefahr. Da entdeckt Sophiechen eine besondere Fähigkeit des GuRie. Er kann Schlafenden Träume einblasen. Sie bringt ihn dazu, daß er die englische Königin davon träumen läßt, wie sich Riesen an Internatsschülern gütlich tun. Als die Königin aufwacht (der Illustrator Quentin Blake zeigt die leibhaftige Elisabeth), da erblickt sie auf dem Fensterbrett Sophie, die auch in ihrem Traum vorkam. Nun braucht nur noch der im Garten versteckte GuRie „Ihrer Majonese“ vorgestellt zu werden, und alsbald brausen Militärhubschrauber, geführt vom GuRie, ins Riesenland. Die gefangenen Ungeheuer müssen fortan in einer gigantischen Grube mit Kotzgurken ihr Leben fristen, der GuRie aber mausert sich dank Sophiechen zur Leseratte, ja sogar zum Schriftsteller, der ein Buch über ihre gemeinsamen Erlebnisse veröffentlicht unter dem Pseudonym – „Roald Dahl“.

Der Illustrator hat mitgespielt und sich für seine GuRie-Porträts an das zwei Meter große Vorbild gehalten. Das zeigt ein Photo auf dem Umschlag der Kindheitsautobiographie –

Roald Dahl: „Boy“; Verlag Jonathan Cape, London; 160 S., £ 6.50 (in Kürze auch bei Rowohlt).

Dahl, so ist in diesem Buch zu lesen, wurde 1916 als Sohn norwegischer Eltern in Südwales geboren, verlor früh seinen Vater, wuchs in britischen Internaten auf, litt furchtbar unter schlagfreudigen Pädagogen und fühlte sich am besten bei seiner Mutter Sophie aufgehoben. Für einen Streich in einem geliebten Bonbonladen (dessen Glasbehälter den Traumgefäßen des GuRie nicht unähnlich scheinen) wurde er vom Leiter seiner Grundschule fast zu Tode geprügelt. „Kinder sehen in allen Erwachsenen Riesen“, kommentiert der Autor. „Aber Schuldirektoren (und Polizisten) sind für sie die allerriesigsten Riesen, höhere Wesen von maßloser Macht.“ Als Mutter Sophie von der gewalttätigen Strafe hört, eilt sie sofort zu dem Schulleiter: „In meiner Heimat werden kleine Kinder nicht so zugerichtet, und ich lasse das nicht zu.“

Frühe Schulerfahrungen wirken in Dahls Erinnerungen kaum weniger traumatisch als in George Orwells Essay „Such Such Were the Joys“. Orwell hat sie in seiner Horrorvision „1984“ verarbeitet. Dahl hatte Humor genug, sie in ein modernes Märchen umzusetzen. Und Märchen, so hat der Hobbit-Erfinder Tolkien definiert, stellen nicht so sehr Wirkliches als vielmehr Wünschenswertes dar. Freilich kann ihr Happy-End nur dann überzeugen, wenn es sich gegen gehörigen Widerstand durchsetzt, gegen Furcht und Schrecken, die miterlebbar sind.

Doch „Sophiechen“ ist mehr als ein Märchen, das ein Schultrauma aufarbeitet. Verfaßt von dem kreativen Sohn eines findigen Vaters, ist es auch ein Lob der Findigkeit und der Kreativität. Der Träume erzeugende GuRie steht in einer Reihe mit dem Anhalter und Dannys Vater, mit Mr. Fox und Mr. Wonka.

Dahl hat das Buch seiner Tochter Olivia gewidmet, die mit sieben Jahren an Masern starb. Weitere Erfahrungen des Autors mit dem Tod verzeichnet die englische Biographie für junge Leser –

Chris Powling: „Roald Dahl“; Puffin Books, Harmondsworth; 82 S., £ 1.10.

Als Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg kam Dahl selbst nur knapp mit dem Leben davon, und später war er hartnäckig und einfallsreich genug, seinen Sohn und seine Frau aus lebensbedrohenden Krankheiten zu retten. Warum nicht in seinem besten Kinderbuch auch einen lachenden Lobpreis des Lebens sehen von einem, der den Tod ernst zu nehmen weiß!

Abschließend noch eine Bemerkung über die deutsche Fassung von Dahls Märchen, das im Original „The BFG“ heißt, „The Big Friendly Giant“. Der Übersetzer Adam Quidam (Hermann Gieselbusch) hat sich treffliche Entsprechungen für viele der englischen Wortspiele einfallen lassen. Wer käme auf Besseres als „menschliche Leberwesen“ für „human beans“ (= human beings) oder als „Spanier schmecken nach Spanferkel“ für „Turks from Turkey ist tasting of turkey“? Da es nicht immer möglich ist, Entsprechungen zu finden, hat sich der Übersetzer vorgenommen, „daß auf jeder Seite ungefähr derselbe Humorpegel erreicht wird“. So ist auch im Deutschen ein Buch entstanden dessen Sprachwitz fasziniert. „,Den Traum finde ich schön‘, sagte Sophiechen. ‚Na klar findest du den schön‘, sagte der GuRie, ‚Das ist ja auch ein Schlummy.‘“

Reinbert Tabbert