Die Glienicker Brücke, die West-Berlin und Potsdam verbindet, wird allem Anschein nach wieder einmal zum Schauplatz eines groschen Ost und West. Nach Anga- ben ans Washington und Jerusalem sind dafür acht bis zehn Personen vorgesehen. Das Datum: der 11. Februar.

In West-Berlin werden die Meldungen über den Häftlingsaustausch noch nicht bestätigt, und in Bonn erklärte Regierungssprecher Ost, es sei guter Brauch, zu solchen Berichten nicht Stellung zu nehmen. In die monatelangen Verhandlungen über den Austausch, so hört man aber, sollen neben Regierungsbeamten aus Washington und Moskau auch der Ostberliner Anwalt Wolfgang Vogel und westdeutsche Stellen eingeschaltet gewesen sein.

Prominentester Grenzgänger wird voraussichtlich der jüdische Dissident Anatolij Schtscharanski sein, der Bürgerrechtler, der 1978 wegen antisowjetischer Agitation und angeblicher Spionage für die USA zu dreizehn Jahren Arbeitslager verurteilt wurde. Aus der Bundesrepublik wird dem Vernehmen nach der DDR-Spion Erwin Lutze freigelassen, der 1976 zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde, weil er das Pipeline-Netz der Nato-Länder verraten hatte. Angeblich soll auch das Agentenpaar Dieter und Ruth Gerhard in den Austausch einbezogen sein, das in Südafrika für die Sowjets spionierte.

Ob Gerüchte über eine Freilassung des südafrikanischen Bürgerrechtlers Nelson Mandela und eines in Angola gefangenen südafrikanischen Hauptmanns ebenfalls mit dem Gefangenenaustausch an der Glienicker Brücke zu tun haben, ist nicht auszumachen. Präsident Bothe hatte Ende Januar erklärt, er sei aus humanitären Gründen bereit, die Freilassung des seit über zwanzig Jahren inhaftierten Mandela zu erwägen, sollten die sowjetischen Regimekritiker Andrej Sacharow und Anatolij Schtscharanski freikommen. Darüber könne mit interessierten Regierungen verhandelt werden.

Es wird jedoch nicht damit gerechnet, daß Sacharow die Sowjetunion verlassen kann. Mandelas Ehefrau Winnie hat Bothas Angebot auch mit der Begründung abgelehnt, daß dadurch ein schwarzer Freiheitskämpfer mit einem südafrikanischen weißen Kriminellen gleichgesetzt werde.

Die Glienicker Brücke, in der DDR auch „Brücke der Einheit“ genannt, ist in der Regel nur für Mitglieder der westalliierten Militärmissionen in Potsdam passierbar; für den zivilen Verkehr ist sie seit Jahrzehnten gesperrt. Auf dieser Brücke wurden wiederholt Agenten ausgetauscht, so 1962 der über der Sowjetunion abgeschossene amerikanische Pilot Gary Powers und der Sowjetspion Abel.

Joachim Nawrocki (Berlin)