Weggelaufen, verlorengegangen, ausgerissen – so treffen der Riesenbär Kristallstimme, das finster blickende Kaninchen Ernst und die zum modischen Attribut verschandelte Hündin Florbella aufeinander. Sie werden Freunde, ergänzen und helfen einander, um schließlich nach dramatischer Trennung froh vereint gemeinsame Zukunftspläne zu schmieden –

Lygia Bojunga-Nunes: „Die Freunde“, aus dem Brasilianischen von Karin Schreiner; Dressler Verlag, Hamburg; 61 S., 12,80 DM.

Archetypische Kindheitssituationen, Ängste und Wunschträume werden in diesem brasilianischen Kinderbuch mit Distanz gewährenden Tierfiguren durchgespielt.

Kristallstimme will die Welt kennenlernen, Ernst sehnt sich nach Geborgenheit. Florbella möchte selbständig und nichts anderes sein als sie selber.

Was die Tiere erleben, spiegelt nicht nur brasilianisches Kinderleben wider. Doch Südamerikas Autoren besitzen ihre eigene Technik, von Schönheit und Sünden ihrer Welt zu erzählen. Viele bedienen sich der Phantastik, der Vision, des hellsichtig machenden Grenzbereiches zwischen Traum und Wirklichkeit, wenn sie ihre schmerzlich-schönen Wahrheiten aussprechen.

In kluger literarischer Ökonomie bedient sich Lygia Boiunga-Nunes nur soweit des Phantastischen und Wunderbaren, wie es für die Botschaft der Geschichte notwendig erscheint. Das Irrationale dient als Brücke zur Wahrheit, gerät nie zum Selbstzweck. Als Kristallstimme die wieder eingefangene Flor befreien und dazu als ihre „Besitzerin auftreten will, tauchen aus dem Nichts mit Handtasche, Sonnenbrille, Papierkleid und ein bißchen roter Farbe nur die nötigsten Requisiten auf. Das Trauma Verlassenheit verwandelt sich für den verzweifelten Ernst in eine bedrohliche Person: „Aber als er zu Hause die Tür öffnete, begegnete ihm die Nacht.“ Sein von Sehnsucht nach den verlorenen Freunden bestimmter Traum – in der deutschen Fassung genau achtzig Worte lang – gehört zu den schönsten, weil psychologisch stimmigen und gleichzeitig poetischen „Hoffnungstexten“ gegenwärtiger Kinderliteratur. Der Traum geht in Erfüllung. Aber – nun ganz realistisch – erst nach Kampf, Verlust und neuem Leid kann Ernst zum ersten Mal in seinem Leben lachen.

Dieses sechste in deutscher Sprache veröffentlichte Kinderbuch der Autorin macht den Leser mit dem überarbeiteten Erstlingswerk der 1932 geborenen Schriftstellerin bekannt. „Die Freunde“ erschienen 1972 in der Originalfassung und begründeten ihren internationalen Ruhm.