Von Rainer Frenkel

Ich hatte Michel Rochat gesehen. Das war nicht selbstverständlich. Sogar sein Arbeitgeber, der dies an einem gewöhnlichen Wochentag zu einer gewöhnlichen Tageszeit wohl hätte erwarten dürfen, gab sich überrascht. Daß er in den Bergen hätte sein können, wäre doch denkbar gewesen. Zum Klettern. Oder zur Jagd. Oder sonstwo.

Über Michel Rochat kursieren viele Geschichten. Sie mögen ihm nicht alle lieb sein, ja auch von ihm für falsch befunden werden wie vermutlich jene, die besagt, er verdiene mehr, als er ausgeben könne. Jedoch: Michel Rochat kann sich der Legendenbildung nicht entziehen (er bildet beim Versuch, es doch zu tun, womöglich neue), denn er ist so etwas wie die personifizierte Zuspitzung einer Idee, der fast alle in seiner Arbeitsumgebung folgen: beim schweizerischen Luxusuhren-Hersteller Audemars Piquet.

Die Idee ist, verkürzt und vielleicht damit zu schön gesagt: Der Mensch identifiziert sich mit seiner Arbeit und schafft so einmalige Stücke, die natürlich entsprechend teuer sind.

Und Michel Rochat, der offenbar Hochkomplizierte, ist, das darf oder muß man wohl so sagen, Schöpfer einer Uhr namens „Grande Complication“, für deren Herstellung er ein halbes Jahr braucht. (Einen Kollegen lernt er gerade an, so daß die Jahresproduktionszahl bald auf vier hochschnellen könnte.)

Diese Uhr kostet übrigens 390 000 Mark, und die Chance, daß das Stück, das eine über hundert Jahre alte Tradition mit der Nummer 1 neu belebt, in der Bundesrepublik verkauft wird, ist groß: das sagt Kurt Meis, der es wissen sollte, denn er ist der deutsche Vertriebsdirektor. Und er kann sie auch alle aufzählen, die zwölf mechanischen Funktionen, deren Kombination die Herstellung so kompliziert macht, die die Uhr so teuer werden lassen.

Sie schlägt die Stunde, die Viertelstunde, die Minute. Sie zeigt Datum, Wochentag und Monat, Sekunden und Fünftelsekunden. Sie beachtet Schaltjahre und den Stand des Mondes. Und die Zeit stoppen kann sie natürlich auch, sogar zweifach. 416 Teile fügen sich zu diesem gerade acht Millimeter hohen Wunderwerk, jedes für sich handgefertigt.