Bücher über Israel füllen mittlerweile Schränke – eine kaum noch überschaubare Flut. Und sie schwillt jedes Jahr höher an. Dann und wann aber spült sie auch einen Edelstein ans Ufer: ein Buch von besonderem Schliff, eigenem Charakter. Tim Gidals Photosammlung ist solch ein Edelstein, kostbar, originell, singulär. Sein Archiv alter Aufnahmen, aufgebaut in jahrzehntelanger, akribischer Spürarbeit, die Leidenschaft und Neugier verrät, hat nicht seinesgleichen. Es ist ein Schatz.

Gidal, selber ein weltbekannter Photoreporter, weiß natürlich: Das Land der Bibel ist ebenso ein Land der Bilder. In Israel braucht einer nur seine Kamera hinzuhalten – die schönen, reizvollen, interessanten Photos kommen sozusagen von selber. Wo auch immer, wann auch immer: die Berge Galiläas, die sanften Ufer des See Genezareth, die Leblosigkeit des Toten Meeres, die Stille der Negevwüste. Und Jerusalem natürlich, die Menschen vor allem, fromme und „weltliche“, Juden und Araber, Europäer und Orientalen, Siedler und Soldaten, Eingewanderte und Eingeborene. Eine kleine bunte Welt, voll uralter Geschichte und ungewisser Hoffnungen. Wenn das kein Platz ist für den begabten Photomann!

Bei Gidal, dem historisch bewanderten Reporter (sein Text beweist es), dem sensiblen Augenmenschen, kommt freilich noch die Akribie des Dokumentensammlers hinzu. Er besitzt die seltensten, auch ungewöhnlichsten Aufnahmen in seinem schier unerschöpflichen Archiv: Bilder, auch, die staunen machen, weil sie so überraschend sind – wie das von Ben Gurion etwa aus dem Jahr 1946 mit einem Mufti von Jerusalem, oder wie das von den betenden Juden an der Klagemauer ein Jahr zuvor, noch zu britischer Mandatszeit also. Geschichte ist in diesen Photos, Gesichter reden hier und Steine,

Tim Gidal zitiert Thomas Manns Eingangszeile zu seinem „Joseph“-Roman: „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ Und er schließt seinen Gedanken an: „Aber tiefer noch ist der Brunnen der Zukunft.“ Wie es einmal war in Palästina vor der Zeit der Gründung Isreals ist auf diesen Seiten aufbewahrt. Und manche Bilder sagen mehr als tausend Worte.

Dietrich Strothmann

Tim N. Gidal: Das Heilige Land. Photographien aus Palästina von 1850 bis 1948; Verlag C. J. Bucher, München/Luzern 1985; 152 S., 58,– DM