Eine seltsamere Koalition hat es in den vergangenen Jahren in der Bundesrepublik wohl kaum gegeben: das Gros des Einzelhandels, der CDU-Mittelstand, die Gewerkschaften und die SPD vereint im Kampf gegen einen vernünftigeren Ladenschluß. Natürlich sind sie alle für den Fortschritt, die einen schwören auf die Marktwirtschaft, die andern auf soziale Errungenschaften. Und allesamt sind sie von einer geradezu penetranten Scheinheiligkeit. Was dieser Koalition wirklich am Herzen liegt, ist ihre Klientel, und die ist vor allem stockkonservativ, weil sie es so haben will, wie es immer war.

Was ist das denn für eine Regierung, die von Entbürokratisierung und Deregulierung schwadroniert und dann kaum imstande ist, die Öffnungszeiten des Einzelhandels um ein paar Stunden zu verlängern? Was ist das für eine Gewerkschaft, die vorgibt, die Beschäftigten der Branche zu schützen, und doch nur Immobilität und Bequemlichkeit zementiert? Was ist das für eine SPD, die angeblich die Kleinen vor der Gefräßigkeit der Großen schützen will, dabei aber Millionen frustrierter Verbraucher im Stich läßt?

Was jetzt die FDP an vorsichtiger Liberalisierung durchgesetzt hat, ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluß: Läden an Verkehrsknotenpunkten in den 31 deutschen Städten mit über 200 000 Einwohnern dürfen werktags zwischen sechs Uhr morgens und zehn Uhr abends ihre Kunden bedienen. Das gilt vor allem für Bahnhofspassagen und Flughäfen, bleibt damit zwangsläufig willkürlich. Doch als erster Schritt ist eine solche Novellierung des Ladenschlußgesetzes akzeptabel. Auch wenn er nur das Mindeste von dem ist, was man von einer Regierung erwarten kann, die ständig mit Bekenntnissen zur Marktwirtschaft hausieren geht.

Natürlich werden die alten Einwände immer noch heruntergebetet – sie sind deshalb nicht überzeugender geworden. Was kann Marktwirtschaft denn anderes heißen, als daß jemand, der seine Kunden frühmorgens, spätabends, samstags oder sonntags bedienen will, das auch darf. Für die Franzosen, beileibe keine überzeugten Marktwirtschaftler, ist das zum Beispiel eine Dare Selbstverständlichkeit. Sie machen dann eben einen Tag in der Woche dicht, so kommen Händler wie Kunden auf ihre Kosten. Dabei weiß natürlich jeder Kunde, daß ungewöhnlicher Service auch ein bißchen teurer ist.

Unverständlich bleibt, warum der deutsche Verbraucher sich die Bevormundung beim Einkaufen immer noch bieten läßt. Unlängst gaben 45 Prozent aller Befragten zu Protokoll, sie hätten „zu wenig Spaß am Einkaufen“ und hielten sich deswegen zurück. Wie leicht wäre dem abzuhelfen, wenn jeder Zeit hätte, vernünftige Kaufentscheidungen zu treffen, und zwar dann, wenn ihm das am besten paßt. Wenn statt dessen Geschäfte erst einmal fürs Personal da sind und nicht primär für die Kunden, dann kann von schutzwürdigen sozialen Errungenschaften nicht mehr die Rede sein.

Es soll niemand behaupten, daß der Einzelhandel geschlossen hinter der starren Ladenschlußregelung steht. In Bremen, Hamburg und anderswo versuchten die dynamischeren unter den Händlern, aus dem Zwang auszubrechen. Die unbeweglichen Konkurrenten sorgten dafür, daß die Ruhestörer zurückgepfiffen wurden. Ein Armutszeugnis für ein Land, das sich seine Anpassungsfähigkeit und seine Leistungskraft zugute hält. Ein Armutszeugnis auch für eine Regierung, die doch private Initiative, Fleiß und Einfallsreichtum belohnen wollte. Klaus-Peter Schmid