Von Klaus Viedebantt

Hundert Jahre Automobil – das ist nicht nur ein Jubiläum für Techniker und Gesellschaftswissenschaftler, für Kaufleute und Kulturkritiker, für Politiker und Psychologen. Hundert Jahre Auto ist auch ein Medienereignis.

Das zeichnete sich bereits bei der Frankfurter Internationalen Automobilausstellung im letzten Herbst ab, die sich als Aufgalopp zum Jubeljahr verstand. Seit Silvester beherrscht das Thema „Auto“ auf vielfältige Weise die Zeitungen und die elektronischen Medien, mit vorwiegend froher Kunde, wie es sich für ein Festjahr gehört.

Daß die Buchverlage, die unter Autofreunden ohnehin die treue Leserschaft selbst teurer Werke ausgemacht haben, das publizitätsträchtige Datum nicht ungenutzt verstreichen lassen würden, war zu erwarten. Knapp einen halben Meter hoch ist der Stapel jener neuen Autobücher, die in letzter Zeit in der Redaktion eintrafen – der Stapel ist unvollständig, die Buchhandlungen haben noch mehr Neuerscheinungen anzubieten.

Einige wollen wir kurz vorstellen. Zuerst jene, die unter Hinweis auf dieses erste automobile Jahrhundert erschienen sind. Das hilfreichste Werk ist vielleicht „Die große Automobil-Enzyklopädie“ von Harald Linz und Haiwart Schrader (BLV-Verlag, München; 320 Seiten, zahlreiche Photos, 128 Mark). Der großformatige Band verspricht 100 Jahre Geschichte und 2500 Marken aus 65 Ländern. Das historische Versprechen wird nur indirekt eingehalten, in den kurzen Länder- und Markentexten. Eine umfassende Historie des Automobils fehlt. Doch das wird mehr als ausgeglichen durch die wahrlich enzyklopädische Leistung, bekannte und vergessene Marken kurz zu porträtieren. Auch die knappen Entwicklungsgeschichten in den verschiedenen Ländern der Welt füllen eine Lücke im Buchangebot. All dieses Wissen wollte komprimiert sein, so kam es zum einzig gewichtigen Kritikpunkt: Die kleine Schrift ist an der Grenze des Lesbaren.

Aus anderem Grund ist das gewichtigste Werk ein schweres Lesefutter: „Ein Jahrhundert Automobiltechnik – Personenwagen“ fordert vom Leser ein solides technisches Grundwissen und Neugier auf alles, was sich zwischen Pneuprofil und C-Säule in Formen und Formeln darstellen läßt. Diesem Leserkreis wird ein Grundlagenwerk geboten, ein großformatiges, gut 720 Seiten starkes Buch in vorzüglicher Ausstattung, das seinem Herausgeber Olaf von Fersen Ehre macht. Seinen Autoren gönnt er zu wenig Ehre, ihre Namen sind etwas versteckt. Die meisten sind Ingenieure, dieser Stand ist es ja gewohnt, hinter seinen Arbeiten zurückzutreten. Der VDI Verlag, Düsseldorf, berechnet für seinen Beitrag zu einem wichtigen Aspekt der Autogeschichte 148 Mark.

Die fehlende Gesamthistorie liefert Jürgen Lewandowskis „Das Jahrhundert des Automobils“ (Südwestverlag, München; 29,80 Mark). Wer auf rund 190 Seiten 100 Jahre Chronik neben zahlreichen Bildern unterbringen will, muß sich einschränken, muß sich an Entwicklungslinien und Tendenzen halten. Das ist dem Autoredakteur der Süddeutschen Zeitung – mit den erwähnten Einschränkungen – gelungen.