Von Dorothea Hilgenberg

Daniel Richomme, der Bretone, hat es gelernt, mit Herausforderungen zu leben. Er hat schon andere Problemzonen als diese hier aus dem Tiefschlaf geholt und sie touristisch auf Trab gebracht. In der Normandie zum Beispiel mußte er den Leuten immer wieder sagen, wie schön der Flecken Erde ist, auf dem sie leben, wie ideal zum Reisen und Entdecken, und daß es höchste Zeit sei, dies zu nutzen.

Weil Richomme der Mann ist, der mit den Leuten reden kann, der ihre Herzen öffnet für den Fremdenverkehr und ihnen Mut macht, hat ihn die französische Regierung in eine nicht weniger schöne, aber wirtschaftlich weit angeschlagenere Ecke als die Normandie gerufen.

In der Ardèche am äußersten Südostzipfel des auslaufenden Zentralmassivs, im Dreieck zwischen den Flüssen Rhône, Ardèche und Allier, gibt es neben Vulkanhügeln und Urgestein, Kirchen und Trutzburgen zwar viel zu sehen, doch kaum etwas zu arbeiten, geschweige denn zu verdienen.

Da, wo die Bauern schon in den sechziger Jahren ihren kargen Boden und ihre jahrhundertealten Granitsteinhäuser aufgaben und die Jugend in lohnträchtigere Städte abwanderte, wählte Richomme nun den umgekehrten Weg – mit nichts als dem reichlich gewagten Auftrag im Gepäck, die verbliebenen Reste der Bevölkerung zu halten, was hieß: ihr Bewußtsein für die Segnungen des Tourismus zu schärfen. Vielleicht war ja durch ihn, den neuen Fremdenverkehrs-Beauftragten, der anhaltende Exodus der von Natur aus bodenständigen Einheimischen zu stoppen. Wenn man ihnen gar noch das Überwintern erleichtert, indem man im Hochland die nordische Variante des Skisports populär macht und die Kunde davon so schnell wie möglich auch außerhalb des Landes verbreitet? Unter den reise- und trimmfreudigen Deutschen zum Beispiel?

Wir bekommen eine Kostprobe. In Saint-Agreve, oberhalb der Cevennen, einem dereinst gefragten Luftkurort, wo sich betuchte Familien mit ihren Domestiken zum Sommerurlaub einfanden, bringt uns Jean auf ein Plateau nahe dem Mont Mezenc. Dort also, auf nicht gerade schwindelerregender, aber windiger Höhe zwischen 1000 und 1200 Metern sollen eingefleischte Langläufer ihren norwegischen Traum vergessen lernen und auf die Ardèche-Spuren umsteigen.

Jean, von Haus aus Agrartechniker und während einer Dienstreise hier hängengeblieben, hat sich dem Departement mit Haut und Haaren verschrieben. Wie die nicht unbeträchtliche Zahl wildentschlossener „Neo-ruraux“ in den siebziger Jahren hat er eines der gedrungenen Bauernhäuser erworben, eine Ziegenherde gekauft – und ist inzwischen einer der folgsamsten Schüler von Richomme geworden. In den Wintermonaten vor allem, wenn seine Tiere ihn wenig brauchen. Er war es auch, der das Gebiet um Saint-Agreve nach geeigneten Trassen durchkämmte und Loipen für die „Zone nordique“ (sechs an der Zahl, etwa 30 Kilometer) zog. Auch seinen deutschen Gästen verlangt er einiges ab, indem er sie Meter für Meter über die im Tauwetter gerade dahinschmelzende Strecke jagt (mittlerweile hat das Departement Ardeche mehr Schnee bekommen, als ihm wohl lieb ist) – aber die Zeit eilt, wenn die neue Branche mehr Bauern, Händler und Gastronomen ernähren soll.