Von Jutta Wilhelmi

Ungewöhnlich ist es schon, wenn der Besucher eines Gymnasiums vorsorglich nach seiner Schuhgröße befragt wird. Doch im Werkgymnasium in Heidenheim an der Brenz tief im Württembergischen verträgt sich derlei praktisches Nachhaken durchaus mit dem, was Schüler allgemein in der „höheren Schule“ vorgesetzt bekommen. Zu den „Realien“, die sonst Real- und Hauptschulen vorbehalten bleiben, hat das badenwürttembergische Gymnasium keine Berührungsängste. Schon gar nicht zu dem, was um sie herum passiert. Als erstes muß ich in Gummistiefel schlüpfen, ein Teil des Unterrichts findet draußen statt. Den Trimm-Dich-Pfad traditioneller gymnasialer Fächer sollen die Schüler des Heidenheimer Werkgymnasiums nicht nur in den vier Wänden absolvieren, sondern auch draußen. In der Brenz, dem kleinen Fluß, der durch Heidenheim fließt, traf ich Schüler und Lehrer der Klasse elf beim Projekt „Gewässerkunde“. Mit klammen Fingern wendeten sie Steine und sammelten, was da kreucht und fleucht. An Egeln und Asseln wird der Zustand des Gewässers getestet.

Biologie einmal anders. Am Ufer werden Wasserproben abgefüllt, um sie auf chemische Schadstoffe zu untersuchen. Kalte Füße bekommt man schon, aber auch Einsichten in ökologische und ökonomische Zusammenhänge. „Selbst etwas tun“ heißt das Prinzip dieser ungewöhnlichen Schule mitten in der Schwäbischen Alb. Von der einheimischen Bevölkerung freilich wird diese Ganztagsschule auch nach zehnjähriger Existenz eher zurückhaltend beäugt. Sie ist innen nicht „gymnasial“ genug. Was stimmt, denn praktisches Lernen ist nicht nur schönes Beiwerk, sondern fester Bestandteil des Schulalltags für die 616 Schüler von der fünften bis zur dreizehnten Klasse.

Das Werkgymnasium in Heidenheim ist ein Überbleibsel aus den siebziger Jahren, als auch in Baden-Württemberg christdemokratische Bildungspolitiker „breite Begabungsreserven“ ausschöpfen wollten. 1971 wurde dieses Schulmodell vom damaligen CDU-Kultusminister Wilhelm Hahn gegründet, auf Anregung des Ettlinger Kreises, einer Arbeitsgemeinschaft pädagogisch aufgeschlossener Industrieller. Ideen von der Gleichwertigkeit allgemeiner und beruflicher Bildung flössen da ein, auch die alten reformpädagogischen Wertigkeit die an Aktualität bis auf den heutigen Tag nichts verloren haben: die Ausbildung von Kopf und Hand. Künstlerisches und Musisches kam von den Waldorf-Pädagogen. Doch im Gegensatz zu ihnen wird das Werkgymnasium fest am administrativen Gängelband gehalten.

Seine Schüler muß es nach dem Notendurchschnitt und der Bildungsempfehlung der Grundschule aussuchen.

Trotzdem hat das praktische Lernen wohltuende Spuren hinterlassen. In dem Puppenspiel, das Schüler der fünften Klasse des Werkgymnasiums für Grundschüler aufführen, spiegelt sich ein Stück Schulwirklichkeit des südlichen Bundeslandes. Die Themen sind aus dem Leben gegriffen: Noten, Zeugnisse, frühes Leid. Die kleinen Zuschauer wissen schon, daß die 2,5 auf dem Zeugnis ihren Bildungsweg festlegt. Der Applaus signalisiert Sympathie mit dem heulenden Jungen vorn auf der Puppenbühne. Er muß damit rechnen, „abgestuft“ zu werden, muß vielleicht das Werkgymnasium verlassen, wenn auch Förderkurse nicht mehr helfen.

Das Puppenspiel, dem die Kleineren aufgeregt folgen, ist mehr als ein Werbegag im Kampf um Schüler (zwischen den vier Gymnasien am Ort). Damit beginnt das praktische Lernen. Die Stücke haben die Schüler selbst geschrieben, sie haben die Puppen gebastelt, die Kostüme genäht, die Dekoration entworfen – alles in Gruppenarbeit. „Hier sollen sie lernen, zusammen etwas zu machen“, sagt Schulleiter Erich Ott.