Im Wahljahr bricht sogar die Regierung Kohl mit einer ihrer geheiligten Regeln: die Feste zu feiern, wie sie fallen. Ausgerechnet in der Karnevalswoche, die in anderen Jahren den politischen Betrieb lahmzulegen pflegt, wurde das Parlament zu einer Sondersitzung einberufen. Beraten wird in erster Lesung der Neutralitätsparagraph 116 des Arbeitsförderungsgesetzes, von Gewerkschaften und Opposition Streikparagraph genannt.

Der Zeitgewinn durch die Sondersitzung ist minimal. Zwei Wochen später trifft sich das Parlament wieder zu einer normalen Beratungswoche. Aber die Koalition hat Eile, sie will sich das dornige Problem möglichst schnell und vor Beginn des heißen Wahlkampfs vom Leibe schaffen. Zu gefährlich erscheint ihren Strategen die öffentliche Auseinandersetzung, zu unruhig das eigene Lager. Für der Weisheit letzten Schluß hält auch Franz Josef Strauß die Lösung nicht, aber zu Bedenklichkeiten, die wie Handlungsunfähigkeit wirken könnten, will er es nicht kommen lassen. Der Tagesbefehl aus München lautet: „Kohl, Blüm, marsch jetzt, her mit diesem Gesetz!“

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Dem Karneval entziehen kann sich freilich kaum einer der einigermaßen prominenten Politiker; auch Jecken sind Wähler. So wurde Kanzlerkandidat Johannes Rau mit feierlichem und dank Norbert Blüm auch witzigem Zeremoniell vom Aachener Karnevalsverein in den „Orden wider den tierischen Ernst“ aufgenommen. Nicht zu aller Freude. Der Nürnberger Staatsanwalt und Berufe-Rater Hans Sachs sagte seine Teilnahme ab, weil er „nicht gern der optische Steigbügelhalter für den Kandidaten einer Partei, die ich nicht mag“, sein wollte.

Da hatte der „rote“ österreichische Bundeskanzler Sinowatz weniger Bedenken, seinen schwarzen Amtsbruder aus Bonn, Helmut Kohl, in die Gilde des „lieben Augustin“ einzuführen – die höchste Auszeichnung der Wiener Faschingsgesellschaft. Die legendäre Figur des österreichischen Straßensängers, der sogar den Sturz in eine Pestgrube ohne Schaden überlebt haben soll, symbolisiert die Fähigkeit, alle Schwierigkeiten zu überstehen...

Diese Fähigkeit würdigte auch Hans-Dietrich Genscher in seiner Abschiedsrede als Oldenburger Grünkohlkönig. Er habe, so verkündete Genscher ohne falsche Bescheidenheit, „den Herzog von Oggersheim zum König im Palais Schaumburg gemacht. Der Herzog von Kreuth wollte damals, und das unter Berufung auf seine großen internationalen Erfahrungen, für den Friedensvertrag die Präambel: Pacta sunt servanda. Aber der Oggersheimer bestand auf der Formulierung: Was man nicht ausstehen kann, das muß man aussitzen.“

Nichts da vom Gruselkabinett! „Im Kabinett gibt es nichts zu gruseln, allenfalls, wenn man bedenkt, wer da hinein will... Aber meine Parteifreunde verstehen jetzt besser, warum ich damals das Bundesministerium des Inneren abgegeben habe, denn schon Churchill sagte: ‚Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selber, er gibt auch anderen eine Chance.“