Der französische Präsident liebt Bäume. Dem Besucher zeigt François Mitterrand auf seinem Landsitz Latche jeweils stolz als erstes die Setzlinge und den Jungbestand. In seinen Büchern ergeht sich Mitterrand oft und gerne in Landschaftsbeschreibungen. In seinen Reden sorgt er sich: „Der saure Regen hat die deutschen Wälder er schwer geschädigt. Jetzt zehrt er am Vogesen-Wald.“ Diese Woche hat nun der Präsident der Republik eine großangelegte Konferenz über das Waldsterben in Europa und in Afrika einberufen; ein Dutzend Regierungschefs, darunter Bundeskanzler Kohl, haben sich in Paris angesagt.

Erlangt Frankreich doch allmählich ein Umweltschutzbewußtsein? Im Osten des Landes, in der Nachbarschaft zur Bundesrepublik, ist es durchaus vorhanden. Sonst schien es aber bislang unterentwickelt. Während des gegenwärtigen Wahlkampfs spielt das Thema kaum eine Rolle. Die Franzosen haben einen festen Technologie-Glauben, sie huldigen der Modernität. Umweltschutzskandale werden von der Presse verharmlost. Die Greenpeace-Affäre offenbarte die Ohnmacht der französischen Grünen; sie sind hilflos, aber nicht ganz bedeutungslos.

Aber es gibt in Frankreich ein grünes Potential. Bei der ersten Europawahl 1979 errangen die ecologistes 4,39 Pozent. Dem grünen Präsidentschaftskandidaten Brice Lalonde fielen 1981 3,87 Prozent der Stimmen zu. So versuchen die Konservativen und besonders die Sozialisten, sich mit eher propagandistischen Unternehmen wie der Waldkonferenz „Silva“ einzuschmeicheln. Es gibt sogar Spekulationen, daß die Versenkung der Rainbow Warrior deshalb angeordnet wurde, weil man langwierige Scharmützel mit der Greenpeace-Flotte im Wahlkampf vermeiden wollte.

Warum aber ist den Franzosen der Umweltschutz kein vorrangiges Anliegen? Der einfachste Grund liegt darin, daß die Umweltbelastung in Frankreich vorerst weniger gravierend ist als in Deutschland. Das hat nicht nur mit dem berühmten Westwind zu tun. Frankreich ist doppelt so groß wie die Bundesrepublik, hat aber eine geringere Bevölkerungszahl; ohnedies leben 18,5 Prozent im Pariser Raum, der nur 2,2 Prozent des Staatsgebiets ausmacht. So bleibt die Natur über weite Landstriche unberührt.

Es kommt hinzu, daß Frankreich später und auch weniger industrialisiert wurde als Deutschland. Man verspürt einen Nachholbedarf, die Industriefeindlichkeit ist geringer. Und da der Staat ein großer Industrieller ist, fällt es ihm schwer, sich selbst Umweltschutzauflagen zu setzen. Die Regierung fällte in den sechziger Jahren die strategische Entscheidung, die Kernenergie zu fördern und hier massiv zu investieren. In diesem Bereich ist jetzt die anfällige französische Wirtschaft führend, es gibt kein Zurück.

Ohnedies ist das Atomare zum Sinnbild für nationale Selbstbehauptung geworden, darin sehen die Franzosen einen wesentlichen Wert. Die in der Bundesrepublk stationierten Nuklearwaffen sind hingegen ein Symbol der Abhängigkeit von den USA.

So war für die französischen Grünen die Ausgangslage schwierig. In einem zentralistischen Staat haben Basisgruppen noch mehr Mühe, sich durchzusetzen. Die individualistischen écologistes wurden obendrein durch das französische Wahlrecht behindert, das kleine Parteien benachteiligte. Und für die Linke hatte der Kampf für soziale Gerechtigkeit Vorrang.

Zu all dem zeigt sich ein anderes Verhältnis zur Umwelt, so wie es auch in den „geometrischen Gärten“ von Versailles seinen Ausdruck findet. Die Natur soll nicht gewahrt, sondern beherrscht werden. Die Franzosen sehen den Umweltschutz nicht als gesellschaftliches, sondern als technisches Problem. Statt Sofortmaßnahmen zu treffen, müsse zuerst die Forschung intensiviert werden. Mit seiner Konferenz verfolgt Mitterrand das Ziel, den Umweltschutzgedanken zugleich aufzunehmen und zu entdramatisieren; en passant will er dabei auch noch Gelder für die afrikanischen Freunde locker machen. „Silva“, so ein französischer Minister, soll zu „einem Erfolg für Frankreich und für den Wald“ werden. Roger de Weck