Von Wilfried Kratz

Die Inquisitoren des Gewerkschaftsbundes luden einen der ihren zum hochnotpeinlichen Verhör. Sie konfrontierten Generalsekretär Eric Hammond mit der Anklage: Die Gewerkschaft der Elektriker – Hammond ist ihr Chef – habe dem Verleger Rupert Murdoch geholfen, seine vier Zeitungen im neuen Druckzentrum Wapping herauszubringen. Damit seien die Arbeitsplätze von 5000 Druckern zerstört und gewerkschaftliche Solidarität untergraben worden. Der robuste Hammond wehrte sich nach Kräften und erklärte sich nicht schuldig.

Aber die Genossen Drucker sind so aufgebracht, daß sie nicht ruhen werden, bis „der Feind in unserer Mitte“, der „Handlanger der Bosse“ oder wie sonst die wenig schmeichelhaften Bezeichnungen lauten, aus dem Trade Unions Congress (TUC) ausgestoßen und zum Aussätzigen der Arbeiterklasse erklärt ist. Wapping, wo Murdoch zum ersten Mal in der Geschichte von Fleet Street ohne Beteiligung der Druckgewerkschaften drucken läßt, droht zum Waterloo der britischen Gewerkschaftsbewegung zu werden. Die Unions spüren nun, daß die Autorität ihrer Institutionen zerbricht und die Solidarität, der Fels, auf dem Gewerkschaften gründen, zerbröckelt.

Journalisten gehen, manche gesenkten Hauptes, durch die stacheldrahtbewehrte Einzäunung des Druckzentrum im Londoner Osten und ignorieren die Boykott-Anweisung ihrer Gewerkschaft. Mitglieder der Elektrikergewerkschaft bedienen die Maschinen. Lkw-Fahrer transportieren Tag für Tag gegen die Instruktion ihrer Gewerkschaft und vorbei an den Streikposten Papier in das „Fort Murdoch“ und holen Nacht für Nacht Times und Sun und am Wochenende Sunday Times und News of the World heraus. Die Aktionen der Setzer, Drucker, Packer sind auf ohnmächtige Gebärden am Eingang zur Festung reduziert und auf den bisher wenig wirkungsvollen Versuch, die Auslieferung der Blätter zu verhindern.

Die Vorgänge vor, in und um Wapping, einem Londoner Stadtteil, steigern die Krise im Gewerkschaftsbund TUC, die mit dem Amtsantritt der konservativen Regierung Thatcher vor bald sieben Jahren begonnen hat. Im Winter 1978/79 erlebte gewerkschaftliche Macht ihren letzten Höhepunkt. In einer Serie von Streiks zerbrachen die Gewerkschaften die Lohnkontrollen der Labour-Regierung unter James Callaghan und demonstrierten die außerparlamentarische Stärke der organisierten Arbeiterschaft. Nach diesem „Winter des Unfriedens“ verstärkten sich die Rufe zu einen gewaltigen Chor: Gegen die Gewerkschaften müsse nun wirklich etwas geschehen. Margaret Thatcher bot ihre Dienste an. Der provozierte Wähler gab ihr die Chance und erneuerte ihr Mandat vier Jahre später.

Für die Gewerkschaften ging es in der Thatcher-Zeit nur bergab. Die Arbeitslosigkeit hat sich seit 1979 fast verdreifacht. Sie nahm den Gewerkschaften mehr als zwei Millionen Mitglieder. Mit elf Millionen Mitgliedern liegt der Organisationsgrad unter fünfzig Prozent.

Gleichzeitig schmiedete die Regierung Thatcher gesetzliche Waffen. Sie vermied den Fehler der konservativen Regierung Heath, die eine Mammut-Reform der Arbeitsgesetze versuchte und damit Schiffbruch erlitt. Margaret Thatcher bevorzugte die Salamitaktik. Jeder Schnitt provozierte zwar Proteste, aber nicht genug, um die (inzwischen drei) Gesetze zu Fall zu bringen. Die Macht der Gewerkschaften und speziell ihres Apparats wurde fast unmerklich, aber nichtsdestoweniger wirkungsvoll gemindert. Frau Thatcher frohlockte, sie werde alle zwei Jahre ein Gewerkschaftsgesetz machen, „bis wir es richtig hingekriegt haben“.