Moderner Antisemitismus beruht in einem heute nicht ganz unbestrittenen Maße auf der christlichen Tradition des Antijudaismus; dieser religiöse Antisemitismus bildet auch die Basis der modernen Form. Dies zeigt sich in zahlreichen Publikationen, in der Haltung von Kirchen und religiösen Verbänden. Die theologische Literatur von katholischer und protestantischer Seite hat die erschreckende Kontinuität und systematische Verbindung von Christentum und Antisemitismus auch für die hier behandelten Perioden aufgedeckt.

Modern waren an diesem Antisemitismus sein Inhalt und seine Formen. Biologie und Ethnologie haben in unserer Periode dem pseudowissenschaftlichen Rassismus, der Eugenik und dem Sozialdarwinismus zu einer Bedeutung verholfen, die man fast als den herrschenden Zeitgeist bezeichnen muß. Damit verbanden sich nationalistische und imperialistische Ideologien. Sie dienten machtpolitischen und wirtschaftlichen Zielen und formten eine weite Schichten erfassende Ideologie.

Man kann diese Kombination als ein übergreifendes Paradigma bezeichnen. Für die deutsche Bildungsgeschichte läuft ihr die Schwächung der christlichen Grundsätze parallel. Diesem Antisemitismus der Ideologie entsprach die Entwicklung neuer Formen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Der Antisemitismus des Kaiserreiches diente einer großen Zahl meist marginaler Vereinigungen als ideologisches Erkennungszeichen. Er war Bestandteil der völkischen Ideologie und konvergierte mit allen möglichen Erlösungsphantasien; deren Spanne reichte von Nacktkultur und Sonnenanbetung zu Teutonenkult, Eugenik, Monismus, Rückkehr zu Natur und Boden, heroischem Passivismus oder jugendbewegter Ganzheitssuche. Ferner entwickelten sich antisemitische Parteien, allerdings ohne politische Kraft oder Einfluß. Ihre bedeutende Nachwirkung erhielten diese Parteien allerdings vom letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts an.

Zu diesem Zeitpunkt wurde der Antisemitismus wenn nicht hof-, so doch gesellschaftsfähig, denn er wurde von Parteien wie den Konservativen und von Verbänden rezipiert, die Studenten, Landwirte, das nationale Bürgertum, Angestellte oder Handwerker vertraten. Die Wirkung dieser Rezeption zeigt sich deutlich in den kulturpolitischen und politischen Auseinandersetzungen der Zeit bis in den Ersten Weltkrieg hinein. Ihre Fortwirkung in die Republik von Weimar läßt sich an der Geschichte dieser Trägerschichten im einzelnen nachzeichnen.

Auch die Vereinigten Staaten kannten – etwa gleichzeitig – ähnliche rassistisch-sozialdarwinistische Ideologien. In allen westlichen Ländern reproduzierte die Literatur ältere, christlich beeinflußte Stereotypen und Karikaturen. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien erließen unter dem Eindruck des Rassismus und der Masseneinwanderung seit 1881 rassistische, d. h. antisemitische Einwanderungsgesetze. In Frankreich explodierte die Dreyfus-Affäre in einem vulgären und brutalen Judennaß. Die progressive Bewegung der Vereinigten Staaten wandte sich aus agrarischem Protest gegen die wirtschaftliche Bedeutung der Städte und damit gegen die jüdischen Exponenten des modernen Kapitalismus, von denen sie sich bedrückt fühlte.

Krieg und Revolution

Der österreichische Antisemitismus dieser Periode läuft in seinen Trägerschichten dem deutschen parallel, übertrifft ihn aber etwa in den Personen Luegers und Schoenerers an politischem Erfolg. Währenddessen sind in Deutschland die Nachwirkungen Stöckers eher in seinem Einfluß auf die protestantische Kirchenorganisation und in der Parallele zu Schoenerer im „Alldeutschen Verband“ zu finden – also auf nicht-parteipolitischem Gebiet.