Von Matthias Naß

Auf den Philippinen geht eine Ära dem Ende zu. Wie immer auch die Präsidentschaftswahlen am Freitag ausgehen – der Verlierer heißt Ferdinand Marcos. Nach über zwanzigjähriger Herrschaft steht er vor dem Scherbenhaufen seiner Politik: Die Wirtschaft liegt danieder; die Staatsfinanzen sind zerrüttet; immer mehr Menschen sinken in bittere Armut ab; die kommunistische „Neue Volksarmee“ ist von einigen Dutzend Desperados zu einer 20 000 Mann starken Guerilla angewachsen, mehr als 5000 Tote forderte der Dschungelkrieg im vergangenen Jahr.

Bei seiner Amtseinführung 1965 sagte Ferdinand Marcos: „Es scheint, als habe der Filipino seine Seele verloren, seine Würde und seinen Mut. Unser Volk ist an einem Punkt der Verzweiflung angelangt.“ Wie düstere Prophetie klingen heute diese Worte. Korruption, Vetternwirtschaft, Willkür hat es auf den Philippinen immer gegeben. Doch nie zuvor waren Mißwirtschaft und Menschenverachtung größer, hat sich die herrschende Clique hemmungsloser bereichert. Marcos hat das Kunststück fertiggebracht, ein von der Natur gesegnetes Land mit einer fleißigen, gebildeten Bevölkerung inmitten der dynamischsten Wachstumsregion der Welt in ein Armenhaus zu verwandeln.

General Carlos P. Romulo, Symbolfigur des philippinischen Widerstands gegen die japanische Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg, Gründungsvater der Vereinten Nationen und 16 Jahre lang loyaler Außenminister unter Marcos, sagte kurz vor seinem Tod einem amerikanischen Besucher: „Diese Leute ruinieren mein Land. Sie müssen gestoppt werden.“ Der sterbenskranke Romulo, der während der Regierungsjahre Jimmy Carters seinen Präsidenten stets gegen den Vorwurf der Menschenrechtsverletzungen verteidigt hatte, appellierte nun an den Beistand des Verbündeten: „Ihr Land muß uns helfen, unsere Freiheit wiederzuerlangen. “

Noch immer ist Amerika der mächtige Pol, nach dem sich die Kompaßnadel der philippinischen Politik ausrichtet. Die Beziehungen zu den beiden Ländern waren stets mehr als ein Zweckbündnis zweier ungleicher Partner. Die Amerikaner befreiten die Filipinos aus spanischer Kolonialherrschaft, nur um dann selbst die Macht auf dem Archipel zu übernehmen. Im Zeichen einer Politik der „Offenen Tür“ wollten die neuen Herren auf den unermeßlichen asiatischen Märkten Fuß fassen. Amerika Verstand es, sein imperialistisches Ausgreifen über den Pazifik ideologisch zu verklären. Das „Schaufenster der Demokratie in Asien“ sollten die Philippinen werden. Doch Eile schien bei der staatspolitischen Bildung der „kleinen, braunen Brüder“ nicht geboten. Erst 1946 entließ Amerika seine Kolonie in die Unabhängigkeit.

Eine eigenständige politische Kultur vermochten die Philippinen nicht zu entwickeln. Die ferne Hegemonialmacht hielt sie in ihrem Bann: Leuchtfeuer der Freiheit für die einen, Hort der Unterdrückung und Ausplünderung für die anderen. „Nieder mit der U.S.-Marcos-Diktatur“ steht auf dem Banner, um das sich die radikale Linke schart. Gleichzeitig warten mehr als 450 000 Filipinos auf die Erlaubnis, in die Vereinigten Staaten einwandern zu dürfen. „Amerika ist ein Muttermal auf der philippinischen Identität“, schrieb die New York Review of Books kürzlich. „Wie hart man auch immer daran reibt, es geht nicht weg.“

Nicht zufällig kündigte Ferdinand Marcos die vorgezogenen Präsidentschaftswahlen in einem Interview des Fernsehsenders ABC an. Heerscharen amerikanischer Journalisten sind in Manila eingefallen. Keine europäische Wahl könnte auf soviel Aufmerksamkeit in den Vereinigten Staaten hoffei wie das dramatische Duell um die Macht in der südostasiatischen Inselrepublik.