Wie das Dorf Lumio vom Retortenort Sant’Ambrogio profitiert

Von Alphons Schauseil

Die Sonne knallt vom wolkenlosen Himmel, Sand und Felsen brüten in der Wärme, das Mittelmeer, klar und hellgrün, bewegt sich kaum – aber niemand sitzt vor dem Café am Hafen von Sant’Ambrogio, und die einzigen Spuren am Strand haben Möwen hinterlassen. Kein Wunder, es ist ja auch erst Ende Januar. Nur in der Zelle neben dem Parkplatz hockt eine junge Frau in der Tür und läßt sich beim Telephonieren den Bauch bräunen. Sie gehört zu den höchstens hundert Menschen, die auch im Winter hier wohnen und arbeiten, damit sich im Sommer bis zu 4500 Urlauber dem dolce far niente hingeben können.

Sant’Ambrogio an Korsikas Westküste, halbwegs zwischen Calvi und L’Ile Rousse, ist kein Dorf wie all die anderen, die zwei- bis dreihundert Meter höher an den Bergen der Balagne hängen. Es ist ein künstliches Gebilde, gerade zwanzig Jahre jung, obwohl der heilige Name Altehrwürdiges vermuten läßt. Er stammt von einer kleinen Kapelle, die dem heiligen Ambrosius geweiht war und einer kargen Flur den Namen gab. Der Strand an der nach Norden offenen Bucht hat alles verändert, hat ein Wunder bewirkt, um das den Heiligen in dieser Form sicher niemand gebeten hatte. Ein paar Freizeitfischer aus dem drei Kilometer entfernten Ort Lumio zogen hier ihre Boote auf den Sand, zu dem von der Küstenstraße aus nur ein Pfad hinunterführte. Selten gingen die jungen Leute des Dorfes hier baden, wer hatte damals schon ein Moped? Und überhaupt ließ man die „piaghja“ lieber den nach Sonne dürstenden Fremden vom Kontinent.

Einer von ihnen, der Unternehmer Parucci aus Nizza, erkannte, was sich aus der leicht erschließbaren Bucht machen ließ. Er kaufte von mehreren Leuten aus Lumio ein halbes hundert Hektar zusammen und setzte 1965 eine Reihe weißer Häuschen mit gewölbten Dächern zwischen die Felsen gleich hinter dem Strand und versteckte sie unter Pinien, Eukalyptus und Mimosen. Bäume gab es hier, in der Seemacchia, allerdings nur wenige. Heute wächst so ziemlich alles, was „typisch“ ist für eine Mittelmeerlandschaft, Palmen, Steineichen, Agaven, Oleander, Rosmarin und Opuntien, sehr untypisch durcheinander und säumt die asphaltierten Straßen, die sich Avenuen nennen und mittlerweile drei Ortsteile miteinander verbinden: die gegen alle Winde geschützte Marina mit zweihundert Sportbootplätzen, Geschäftszentrum und der „städtischen“ Schwimmanstalt von Lumio, das eigentliche Sant’Ambrogio mit dem Bahnhof, sprich einer perronlosen Haltestelle der Diesel-Tramway „Micheline“, sowie das weiter landeinwärts gelegene Cocody-Village. Überall kann man Villen und Appartements mieten oder kaufen oder sich auf ein noch urwüchsiges Grundstück sein eigenes Sommerhaus hinstellen. Eingestreut sind Tennis- und Volleyballplätze, Reitstall und Restaurant, Disco und Waldkapelle. An der Nordspitze, gleich über der Marina, liegt das 1972 eröffnete Feriendorf des Club Méditerranée, eins von dreien auf Korsika. Es war von Monsieur Parucci ursprünglich für einen anderen Reiseveranstalter erbaut worden, der jedoch, bevor noch alle Bungalows standen, vom Club Méd geschluckt wurde.

Solch praktisch-artifizielle Gebilde gibt es eine ganze Reihe am Mittelmeer, mehr oder weniger akzeptiert von der Bevölkerung, die – verändern die Fremden allzu kraß ihre Lebensgewohnheiten – zwischen Profit und Protest hin und her gerissen wird. Auf Korsika aber blieb es nicht bei der Diskussion um die unbekümmerte Vermarktung von Sonne und Sand oder um die Entwertung alter Sitten durch urbane Bräuche. Sprengstoffanschläge gegen den Club Méditerrané – auch in Sant’Ambrogio – und andere Feriendörfer machten Schlagzeilen, ließen Touristenzahlen sinken und einige Promoter das Weite suchen. Viele von ihnen hatten tatsächlich einfach gar nicht erst versucht, mit den korsischen Gastgebern ins Gespräch zu kommen, hatten ihr Personal mitgebracht, sich preiswert auf dem Kontinent versorgt und die schnell verdienten Francs übers Meer heimgetragen. Heute richtet sich der zerstörerische Zorn der insularen Nationalisten meist gegen offiziellere Symbole des „Kolonialismus“. Ganz langsam haben sich Einheimische und Fremde aneinander gewöhnt und gelernt, sich zu respektieren.

Das im Winter gottverlassene, im Sommer von Menschen wimmelnde Kunstdorf ist für die Mutterkommune überdies zu einem Wirtschaftsfaktor geworden, den auch die auf Wahrung der korsischen Eigenart, der „corsitude“, bedachten Kräfte nicht einfach wegwischen können. Die Attentate sind damit ad absurdum geführt worden. Aller-