Von Dorothee Sölle

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, sagte Ingeborg Bachmann 1959. An diesen Satz habe ich bei dem Film „Shoah“ denken müssen; er mutet denen, die unter der selbstverständlich gewordenen Lüge leben, Wahrheit zu und erfüllt so eine wesentliche Voraussetzung der Kunst. Und um Kunst handelt es sich bei diesem Film.

Aber wieso Wahrheit? Wissen wir nicht eigentlich genug über das Thema Judenvernichtung? Nein, so höre ich Claude Lanzmann neun Stunden lang antworten. Sie wissen nichts, meine Damen und Herren. Sie haben keine Ahnung. Ihr Wissen ist Statistik geworden und wenn es hochkommt, verstehen Sie Einzelschicksale wie das der Anne Frank. Aber ein wirkliches Wissen, das gesammelt dann Gewissen herstellt, haben Sie nicht.

„Die jungen Deutschen“, sagt Lanzmann in einem Interview, „mit ihren Schnauzbärten, die heute zwischen fünfunddreißig und vierzig sind, kommen mir wie Gespenster vor, kopflos, blind. Sie sehen ihre eigene Geschichte nicht. Hundertmal im Verlauf meiner Nachforschungen habe ich es erlebt, daß alte Nazis, die ich interviewte, von ihren Kindern abgeschirmt wurden. Es gab da ein stillschweigendes Einverständnis. Man wollte nichts wissen. Sobald ich kam, errichteten sie eine Mauer. Es wird behauptet, der amerikanische Film ‚Holocaust‘ habe die Deutschen aufgerüttelt. Das stimmt nicht. Es war nur ein Strohfeuer, zumal der Film selbst purer Schwachsinn ist.“

„Shoah“ – das hebräische Wort bedeutet: großes Unheil, Katastrophe – erzählt nicht Einzelgeschichten von Juden und dokumentiert auch nicht das Massenschicksal; es wird kein historisches Material verwandt, keine Schreckenphotos von Erschießungen oder Massengräbern tauchen auf, kein Anblick der Überlebenden in gestreifter Kleidung, in den befreiten Lagern.

Ist die Wahrheit zumutbar?

Der Film, weder Fiktion noch Dokumentation, findet seine eigene Form der Historiographie: die Zeugenbefragung. Er deckt den Prozeß der Wahrheitsfindung nicht unter dem Faktenberg zu, und er fesselt uns auch nicht durch Fiktion, wie es, um ein gutes Beispiel zu nennen, der unvergessene „Jakob der Lügner“ nach Jurek Becker tat. Einfühlung ist nicht die Methode, sondern Zumutung. Das meine ich wörtlich: mein Mut wird hervorgerufen, nicht nur mein Mitleid und meine Furcht.