Von Robert Leicht

Salem, das Internat am Bodensee, hat in seiner 65jährigen Geschichte schon manche tiefe Krise durchlitten, die hart an die wirtschaftliche oder moralische Existenz der Schule rührte – und noch jede überlebt. Jetzt, da es dem Institut eigentlich recht ordentlich geht, spielt sich in diesem ehemaligen Zisterzienserkloster im Hinterland des Bodensees eine Groteske ab. Und die könnte im schlimmsten Fall wirklich das Ende dieses Landerziehungsheims einleiten. (Übrigens, der gern gebrauchte Begriff „Prominenteninternat“ führt in die Irre: Von den Schülern ist natürlich kein einziger prominent; und von den heute einigermaßen prominenten Absolventen der Kriegs- und Vorkriegszeit standen die meisten nur ein, zwei Trimester auf der Schülerliste.)

Prominent, zumindest im südbadischen Raum, ist allerdings der Initiator der möglicherweise so fatalen Groteske: Markgraf Max von Baden, Eigentümer jener Salemer Gebäude, welche die Mittelstufe des Internats beherbergen (Junioren und Kollegiaten sind in Häusern untergebracht, die dem Schulverein selbst gehören) hat den Überlassungsvertrag für die klösterlichen Gemäuer zum Jahresende 1986 gekündigt. Bleibt der Markgraf stur oder führt ein vertraglich vorgesehenes Schiedsgerichtsverfahren nicht zum Ausgleich, so steht die Mittelstufe zu Silvester vor der Tür.

Im Mai soll der 100. Geburtstag von Kurt Hahn gefeiert werden, also des Mannes, der die Schulen Schloß Salem 1920 auf Initiative von Prinz Max von Baden gründete, des letzten Kanzlers im Kaiserreich. Die Feier dürfte wohl ins Wasser fallen – weil der Enkel des Kanzlers nun den Herrn im Hause herauskehrt.

Was ist der Unterschied zwischen Eltern und Alten Herren? Die Eltern möchten, daß es ihren Kindern einmal besser gehe – die Alten Herren legen Wert darauf, daß es den Nachkommenden mindestens so schlecht und spartanisch ergeht, wie ihnen einstmals selbst. Das ist wohl des Pudels Kern: Der heutige Chef des Hauses Baden, obwohl durch offenkundig weise Verfügung seines Vaters auf eine Nebenrolle im Schulregime reduziert, möchte mit dem Gewaltstreich der Kündigung durchsetzen, daß das Internat wieder so streng geführt wird, wie er es selbst in der (verklärenden) Erinnerung hat. Damit erhebt er einen Führungsanspruch, den er pädagogisch auszufüllen aus mancherlei Gründen nicht imstande ist.

Als ich selbst von 1954 bis 1963 von Sexta bis Oberprima in Salem war, habe ich den damals „regierenden“ Markgrafen Berthold nur einmal „amtlich“ erlebt, nämlich bei einem kurzen Empfang zu einem Glas Wein anläßlich des Abiturs. (Diese Einladung war in jeder Hinsicht wörtlich zu nehmen.) Ansonsten hatte man, falls die markgräfliche Flagge auf dem Dach wehte, das Orgelüben im Betsaal auf nur einem gedeckten Register zu betreiben, damit Seine Königliche Hoheit nicht um die Ruhe gebracht wurde, wir hatten also den Markgrafen seinerzeit als entrückte moralische Autorität erlebt, nicht jedoch als pädagogische Instanz mit alltäglichen Interventionsgelüsten.

Internate in der Wohlstandsgesellschaft mit einer durch Verkehrsmittel und Medien hoch verdichteten Kommunikation – da ist es nahezu unmöglich, eine puritanische Gegenwelt zum Konsumismus der Elternhäuser und der Ferienwelt glaubwürdig aufrechtzuerhalten. Sparta am Bodensee – wer dies heute noch inszenieren wollte, müßte einem Traum voller Zwang oder Lebenslügen nacheilen. Folglich bleibt in der pädagogischen Wirklichkeit nur der Versuch, ein möglichst überzeugendes Vorbild anzubieten, mit viel gutem Willen und einigem Hängen und Würgen. Kinder nehmen im übrigen sehr viel subtiler wahr, was an einer Schule nicht stimmt, als die in Vergangenheiten schwelgenden Alten Herren.