Von Ernst Klee

Das Frankfurter Landgericht verhandelt in diesem Jahr wohl zum letzten Mal gegen Ärzte, die am Massenmord von Kranken, Behinderten und anderen „Ballastexistenzen“ beteiligt waren. Der angeklagte Frauenarzt Dr. Aquilin Ullrich brach am 19. Februar sein Schweigen und erklärte dem Gericht, er habe „aus Liebe zu den Menschen gehandelt“.

Unmutsäußerungen aus dem Publikum, darunter viele Behinderte, beendete die Gerichtsvorsitzende mit dem Hinweis, notfalls den Saal räumen zu lassen. Doch verständlich sind solche Reaktionen gewiß, wie ein Rückblick auf das Geschehene zeigt:

70 273 Menschen sind in den Jahren 1940/41 in den Gaskammern von sechs verschiedenen Tötungs-Anstalten ermordet oder wie die Täter sagten: „desinfiziert“ worden. Die Zahlen stammen aus einer Tötungsbilanz, die der Philologe Edmund Brandt (nach dem Krieg beim Bundesministerium des Innern) 1942 erstellt hat.

Organisiert wurde der Massenmord von einer Parteidienststelle der NSDAP, der „Kanzlei des Führers“. Da diese schlecht als Firmenschild dienen kann, wird eine Zentraldienststelle gegründet, die nach ihrem Sitz in der Berliner Tiergartenstr. 4 später kurz T4 heißt. Dazu werden verschiedene Tarnunternehmen gegründet, z. B. eine „Gemeinnützige Kranken-Transport G.m.b.H.“, die den Transport der Opfer in die Vergasungsstätten besorgt. Doch alle diese Scheinfirmen existieren nur auf Briefbögen.

Über die Gründe des Massenmords hat Viktor Brack, einer der verantwortlichen Funktionäre der „Kanzlei des Führers“, keine Zweifel gelassen. In einer eidesstattlichen Erklärung zum Nürnberger Ärzteprozeß meinte er Oktober 1946, Hitler habe jene Leute ausmerzen wollen, „die für das Reich von keinem irgendwelchen Nutzen mehr waren“. Hitler sei der Ansicht gewesen, durch die Vernichtung dieser „nutzlosen Esser“ Ärzte und Pflegepersonal einzusparen und „Einrichtungen für den Gebrauch der Wehrmacht freizumachen“.

Die Opfer, die in den Tötungs-Anstalten eintreffen, sind zuvor in einem dilettantischen Verfahren erfaßt worden: Alle Anstalten müssen von Herbst 1939 an diejenigen Bewohner melden, die nicht oder nur mit mechanischen Arbeiten beschäftigt werden können. Die Meldebögen – ein DIN-A4-Blatt – werden anschließend Ärzten („Gutachtern“) vorgelegt, die in das Mordprogramm eingeweiht und angewiesen sind, im Zweifel zuungunsten der Opfer zu entscheiden. Sie fallen ihr Urteil in der Regel; ohne die Todeskandidaten gesehen zu haben.

Die zur Ermordung Bestimmten werden fast immer sofort nach Ankunft in der Tötungsstätte „desinfiziert“. Ist ein Transport angekommen, werden die Menschen registriert, ausgezogen und zu einer vorgetäuschten Untersuchung geführt. Nackt gehen sie an einem Tisch vorbei, an dem Ärzte sitzen und die Kranken auf eine glaubwürdige Todesursache ansehen. Zu ihrer Identifizierung nach dem Tode werden die Opfer mit Nummern bestempelt. Wer Zahngold aufweist, bekommt ein Kreuzzeichen auf Brust oder Rücken,

Dann geht es in die als Duschraum getarnte Gaskammer: ein kleiner Raum von etwa 3 mal 4 Metern, in den ein ganzer „Transport“ gepreßt wird. Die Aufgabe, die Gasflaschen zu öffnen, kommt nach zahlreichen Zeugenaussagen den Ärzten zu: Hitlers Begleitarzt und Euthanasie-Beauftragter Prof. Karl Brandt hatte die „Desinfizierung“ zur medizinischen Maßnahme erklärt.

Sind die Opfer tot, wird ihnen das Zahngold herausgebrochen, das vorgeschmolzen an die „Degussa“ veräußert wird. Vielfach werden auch die Gehirne entnommen, da eine Anzahl von Universitätsprofessoren – so Ullrich in einer Aussage – „die wertvollen Gehirne für die wissenschaftliche Forschung“ beanspruchten.

Von 14 Ärzten, die in den Vergasungs-Anstalten Grafeneck (Schwäbische Alb), Brandenburg, Bernburg/Saale, Hadamar bei Limburg, Sonnenstein/Pirna und Hartheim bei Linz eingesetzt waren, haben zehn den Krieg überlebt. Zwei richten sich nach 1945 selbst. Zwei entkommen einem Schuldspruch, weil ärztliche Atteste ihnen „Verhandlungsunfähigkeit“ bescheinigen: der Euthanasie- und KZ-Arzt Horst Schumann, der viele Jahre in Afrika untergetaucht war, und der Tötungs-Arzt von Hartheim, Dr. Georg Renno. Renno arbeitete nach dem Krieg zunächst unter dem falschen Namen „Dr. Reinig“, dann aber auch unter seinem richtigen Namen bei der Schering AG als wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Der erste, der verhaftet und der einzige, der jemals verurteilt wird, ist Dr. Hans Bodo Gorgaß. Er versah seinen „Henkersdienst“ – der Ausdruck stammt von ihm selber – in Hadamar. Gorgaß, der freimütig bekannte, es sei Aufgabe der Ärzte gewesen, das Gas einzulassen, ist am 21. März 1947 vom Landgericht Frankfurt wegen Mordes „in mindestens 1000 Fällen“ verurteilt worden. Die lebenslängliche Strafe endete bereits 1958 durch eine Begnadigung des Hessischen Ministerpräsidenten Dr. Georg August Zinn.

Als Gorgaß entlassen wird und bei einer pharmazeutischen Firma unterkommt, leben seine ärztlichen Euthanasie-Kollegen noch alle unerkannt in Freiheit.

Erst drei Jahre später, am 22. August. 1961, wird der nächste Euthanasie-Arzt verhaftet: Dr. Aquilin Ullrich, zu dieser Zeit Frauenarzt in Stuttgart. Ullrichs Festnahme ist der Anfang eines höchst widersprüchlichen Justizverfahrens, das zu Ermittlungen gegen insgesamt fünf Ärzte führen wird.

Ullrich, im März 1914 als Sohn eines Oberstudienrats geboren, hatte nach einem Tag Bedenkzeit seine Mitarbeit bei T4 zugesagt. Im März 1940 beginnt er im umgebauten Brandenburger Zuchthaus als Vertreter des Leiters der Tötungsstätte, Dr. Irmfried Eberl, der später in Bernburg auch KZ-Häftlinge und im Sommer 1942 als erster Lagerkommandant von Treblinka die Juden „ins Gas“ schickt.

Ullrich hat über seine Aufgaben in Brandenburg freimütig ausgesagt (seine Aussagen wurden jetzt im Prozeß verlesen): „Bei dem Tötungsverfahren hatte ich, sofern Dr. Eberl anwesend war, ihm bei allen den Aufgaben zu assistieren, für die das Tätigwerden eines Arztes vorgeschrieben war. Dies waren eine Besichtigung der entkleideten Geisteskranken in dem Vorraum vor dem Vergasungsraum und die sich daran anschließende Tötung.“

Ullrich hat die Besichtigung der Kranken dazu genutzt, „um mir auffallende Kennzeichen, die für die Erstellung einer späteren natürlichen Todesursache Bedeutung gewinnen konnten, zu notieren“. Wenn Dr. Eberl von Brandenburg abwesend war, „so mußte ich die oben beschriebenen Tätigkeiten alleine durchführen“.

Zu Ullrichs Aufgaben gehörte auch, den Angehörigen der Ermordeten verlogene Beileidsschreiben zu schicken. Unter seinem Tarnnamen „Dr. Schmitt“ schrieb er beispielsweise am 13. August 1940 einem Vater: „Trotz aller Bemühungen unserer Ärzte war es bei der Heftigkeit der Erkrankung nicht möglich, die Patientin am Leben zu erhalten.“ Der Vater solle jedoch in dem Gedanken Trost finden, „daß Ihre Tochter von einem schweren und unheilbaren Leiden erlöst wurde“.

Der Mann hat offenbar wütend reagiert und wollte wenigstens die Sachen der „Verstorbenen“ zurück. Am 24. August 1940 geht von Brandenburg ein Brief ab, der mit „Dr. Schmitt“ gezeichnet ist: „Bei der augenblicklichen Rohstoffknappheit wurden die Sachen zwecks nutzbringender Verwendung einer Verwertungsstelle zur Verfügung gestellt. Wir hoffen, damit auch in Ihrem Sinne gehandelt zu haben, zumal Ihnen durch die aus öffentlichen Mitteln bestrittene Feuerbestattung keine Kosten entstanden sind.“ In der „Kanzlei des Führers“ nannte man solch zynische Schreiben „Trostbriefe“.

Ullrich scheidet nach einigen Monaten in Brandenburg aus und wechselt in die Planungsabteilung der Berliner Zentrale, wo er mit der Tötungsaktion nichts mehr zu tun gehabt haben will. Der junge Arzt, der auch einer Kommission angehörte, die im Februar 1941 Kranke der v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel selektierte, ist 1942 bei der Zentraldienststelle T4 ausgeschieden.

Bei Kriegsende gerät Ullrich in amerikanische Kriegsgefangenschaft, der er sich durch Flucht entziehen kann. Als die Nürnberger Prozesse beginnen, taucht er mit gefälschten Entlassungspapieren unter und wird Hauer auf einer Grube unter Tage. 1949 kommt er mit einem ehemaligen Universitätslehrer in Verbindung, der ihn als Assistenten an eine Stuttgarter Klinik vermittelt. 1952 wird er niedergelassener Facharzt für Frauenkrankheiten und Belegarzt einer Stuttgarter Klinik.

Am 12. April 1962 wird Ullrichs Studienfreund Dr. Heinrich Bunke festgenommen. Bunke, im Juli 1914 als Sohn eines Volksschullehrers geboren, ist ebenfalls Facharzt für Frauenkrankheiten. Er war im Sommer 1940 auf Ullrichs Vorschlag zur Euthanasie-Belegschaft gekommen. Bei seinem Dienstantritt ist ihm erklärt worden, sämtliche verfügbaren Kräfte würden im Krieg gebraucht, deshalb seien unheilbar Geisteskranke „auf medizinisch einwandfreie Art einzuschläfern“.

Bunke beginnt spätestens August 1940 in Brandenburg. Es sind mehrere Schreiben an Angehörige erhalten, die er mit seinem Tarnnamen „Dr. Rieper“ unterschrieben hat. Unter seinem richtigen Namen hat er u. a. am 29. September 1940 die „Verlegung“ von 75 Männern aus der Anstalt Neuruppin in die Vergasungs-Anstalt veranlaßt: „Die Liste enthält 100 Namen, so daß genügend Ersatz für verlegte, schwer erkrankte usw. Patienten bleibt.“

Von Bunke wissen wir, daß auch Kinder in der Gaskammer endeten: „In Brandenburg wurden auch Kinder im Alter von etwa acht bis zwölf, es kann auch bis vierzehn Jahre gewesen sein, vergast ... Ein Teil der Kinderleichen wurden von Prof. Hallervorden aus Berlin (Histologe am Kaiser-Wilhelm-Institut) seziert und zur wissenschaftlichen Auswertung mitgenommen.“

Später ist Bunke in die Tötungs-Anstalt Bernburg übergewechselt (Tarnname „Dr. Keller“) und ausgebildet worden, selbst Gehirne zu entnehmen. Er hat nach eigenen Angaben jedoch nie das Gas eingeleitet, nur die Opfer vor der Tötung nackt angesehen, um „die Todesursachen zu erfinden“, wie er einmal sagt. Er hat schon 1945 eine Stelle als Assistenzarzt der Landesfrauenklinik in Celle gefunden. 1951 läßt er sich als selbständiger Facharzt für Frauenkrankheiten und Belegarzt zweier Krankenhäuser nieder.

Wenige Wochen nach der Festnahme Bunkes, am 20. Juni 1962, wird der praktische Arzt Dr. Klaus Endruweit vorläufig festgenommen. Endruweit, Dezember 1913 als Sohn eines Taubstummen-Oberlehrers geboren, hat eigenen Angaben zufolge im Dezember 1940 in der Vergasungs-Anstalt Sonnenstein in Pirna seinen Dienst angetreten. Obgleich in der Anstalt Tausende getötet werden, Dr. Endruweit (Tarnname „Dr. Bader“) behauptet: „Ich habe ... nie einen Raum gesehen, in dem die Kranken getötet wurden, ich habe auch nie tote Patienten gesehen.“

Daß auch er sich die Todeskandidaten auf eine glaubhafte Todesursache vor der Ermordung angesehen hat, mochte er dagegen nicht bestreiten: „Ich mußte die Diagnose liefern, mit der dann die Liquidierung bemäntelt wurde.“ Der Arzt, der in der Tötungs-Anstalt nie einen Toten gesehen haben will, läßt sich am 1. Juli 1946 als praktischer Arzt im Harzdorf Bettrum nieder.

Es dauert lange, bis der letzte Arzt ermittelt ist, der wie die anderen bereits genannten ein Studienfreund Ullrichs ist: Dr. Ewald Wortmann (Jahrgang 1911). Wortmann ist nach eigener Darstellung im September 1940 zur Euthanasie-Aktion gekommen. Zunächst sei er als ahnungslose Hilfskraft einer Kommission zugeteilt gewesen, die süddeutsche Anstalten bereiste (und Patienten zur Tötung aussonderte). Etwa Anfang Oktober habe er sich in der Anstalt Sonnenstein gemeldet, wo ihm der Leiter Horst Schumann „den Tötungsvorgang anhand eines Transportes“ praktisch vorführte.

Das Ganze habe ihn sehr erschreckt. Deshalb habe er sich geweigert mitzumachen. Er sei nur kurz in Sonnenstein gewesen: „keinesfalls Monate, etwas mehr als zwei, drei Tage, vielleicht so zwei Wochen“. Die Darstellung, wonach er nur erschreckt dabeigesessen hat, kann jedoch nicht die ganze Wahrheit sein. Wortmann hat später als Zeuge in einer Gerichtsverhandlung ausgesagt: „Ich habe auch Trostbriefe unterschrieben. Mein Deckname war Dr. Friede.“

Danach hat er von seinem Recht, die Aussage zu verweigern, Gebrauch gemacht. Das Ermittlungsverfahren gegen ihn ist eingestellt worden. Gleichwohl: Wortmann ist der lebende Beweis, daß ein Arzt jederzeit aufhören konnte, ohne daß ihm Nachteile entstanden wären.

Der Arzt, dessen Strafverfolgung für die größte Aufregung sorgen wird, ist Dr. Kurt Borm. Er wird im Juni 1962 in seinem Behandlungszimmer festgenommen. Borm ist zu dieser Zeit leitender Arzt der inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses in Uetersen (Schleswig-Holstein). Er ist städtischer Beamter mit dem Titel Medizinalrat und hat bei der Einstellung seine Nazi-Vergangenheit verschwiegen: Eintritt in die NSDAP am 1. Dezember 1930, u. a. in den SS-Totenkopfverbänden und bei der Leibstandarte Adolf Hitler eingesetzt. Dr. Borm, der in Sonnenstein den Decknamen „Dr. Storm“ führte, ist bis 1945 bei der „Aktion“ geblieben.

Am 15. Januar 1965 liegt die Anklageschrift der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft vor. Den Ärzten Ullrich, Bunke, Endruweit und Borm wird vorgeworfen, „heimtückisch, grausam, aus niedrigen Beweggründen vorsätzlich und mit Überlegung jeweils mehrere 1000 Menschen getötet zu haben.“

Noch ehe der Prozeß stattfindet, beginnt eine Auseinandersetzung, ob die angeschuldigten Ärzte weiterhin praktizieren dürfen. Der Regierungspräsident in Lüneburg hatte nämlich im Fall Bunke September 1966 angeordnet, die Bestallung ruhen zu lassen.

Der Ärzteverein Celle setzt sich für den Kollegen ein. Mehr als 5000 Bürger aus Celle und Umgebung – darunter ein Bundestags- und ein Landtagsabgeordneter – verwenden sich bei der Niedersächsischen Landesregierung für den T4-Arzt. Im Verwaltungsgerichtsverfahren trägt Bunkes Prozeßbevollmächtigter vor, der Chefarzt der Unfallchirurgie am Celler Krankenhaus – Professor Probsthain – habe im Namen zahlreicher Kollegen bei Sozialminister Partzsch interveniert. Der Minister habe Probsthain empfangen und ihm versichert, auch im Kabinett hätten sich Stimmen gegen die Anordnung erhoben.

Die Solidarisierung mit dem Euthanasie-Arzt zeigt Wirkung: Bunke darf weiterhin praktizieren.

Ähnlich sind die Reaktionen im Falle Endruweits: Der Regierungspräsident in Hildesheim hatte ebenfalls im September 1966 das Ruhen der Bestallung angeordnet. Endruweit bestreite zwar, an der Vergasung unmittelbar mitgewirkt zu haben. Er habe aber an den Untersuchungen zur Freigabe der Kranken teilgenommen und die Tötungen mit fingierten Todesursachen beurkundet. Das allein reiche aus, ihn als unwürdig zur Ausübung des Arztberufes anzusehen.

Der Regierungspräsident dürfte nicht geahnt haben, was er damit an Beschwerden und Drohungen auslöste. Endruweit, lange Jahre im Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung und im Vorstand der Ärztekammer, nimmt serienweise Beistandserklärungen entgegen: von Kollegen, vom örtlichen Sportverein, einem früheren Gemeindepastor, dem evangelischen Altersheim, der Spar- und Vorschußkasse Hoheneggelsen und der Kreissparkasse Hildesheim-Marienburg.

„Humane Tötungsart“

Der Bürgermeister der Gemeinde Nettlingen versteigt sich sogar zu der Behauptung: „Bereits jetzt werden in nicht zu übersehendem Maße peinliche und dem Ansehen der Regierung sehr schädliche Vergleiche mit Willkürmaßnahmen des 3. Reiches gezogen ...“ So darf auch Endruweit weiterhin praktizieren.

Am 3. Oktober 1966 hat der Prozeß gegen Ullrich, Bunke und Endruweit begonnen. Kollege Borm sitzt nicht auf der Anklagebank, da die Generalstaatsanwaltschaft glaubt, ihm noch weitere Straftaten nachweisen zu können. Eine verständliche Entscheidung: Schließlich hatte Borm bis Kriegsende in der Berliner Euthanasie-Zentrale gearbeitet, die dafür sorgte, daß bis dahin Abertausende von Patienten anstelle von Gas mit Medikamenten getötet wurden.

Am 23. Mai 1967 wird im sogenannten ersten Ärzte-Prozeß das Urteil gesprochen. Die im Rahmen der Aktion T4 durchgeführten Massentötungen seien Mord gewesen – auch nach dem zur Tatzeit geltenden Recht. Kein Kulturvolk habe jemals eine derartige Aktion durchgeführt. Rechtfertigungsgründe gebe es keine. Der Begriff „Gnadentod“ sei so irreführend wie die Bezeichnung „Euthanasie“.

Die Ärzte seien „das letzte Filter vor der Gaskammer“ gewesen, „zu der sie den Weg allein oder im Zusammenwirken mit den übrigen Ärzten freigegeben haben“. Fazit: Der Angeklagte Dr. Ullrich hat „Beihilfe zur Ermordung von mindestens 1815 Geisteskranken geleistet, davon in mindestens 210 Fällen durch eigenhändige Tötung.“ Im Falle des Angeklagten Bunke wird Beihilfe zur Ermordung von mindestens 4950 und im Falle Endruweits von mindestens 2250 Geisteskranken festgestellt.

Dennoch werden alle drei freigesprochen: „Die Angeklagten haben jedoch nicht schuldhaft gehandelt. Es fehlte ihnen das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit. Sie haben das ‚Unerlaubte‘ ihres Tuns nicht erkannt und in einem unvermeidbaren Verbotsirrtum gehandelt. Die Angeklagten sind davon ausgegangen, daß sie nur bei der Tötung von Geisteskranken ‚ohne natürlichen Lebenswillen‘ mitwirkten und daß deren Tötung erlaubt sei.“

Das Urteil enthält die Behauptung, die Tötung der Geisteskranken sei nicht grausam gewesen, die Tötung „durch Kohlenmonoxid verursachte auch keinerlei seelische Qualen bei den Opfern“. Ja, der Tod in der Gaskammer sei „eine der humansten Tötungsarten“. Die Zuschauer im Gerichtssaal haben den Freispruch frenetisch beklatscht.

Einige wenige, Angehörige von Opfern, hören das Urteil mit Entsetzen. Nicht nur aus eigener Betroffenheit: Schließlich ist bekannt, daß ein Angestellter der Vernichtungsanstalt Hadamar berichtete, er habe „die Beobachtung gemacht, daß die Menschen einen qualvollen Tod starben“. Er habe den Anblick nicht ertragen. Eine Pflegerin aus Bernburg: „Das war für mich ein schrecklicher Anblick. Die darin befindlichen Personen waren völlig verzweifelt und versuchten, aus diesem Raum herauszugelangen.“

Andere haben gehört, wie die Opfer ihre Mörder verfluchten, „Mörder“ schrien, gegen die Wände trommelten usw. Und was war mit der Angst der Opfer, die manchmal monatelang in der Verzweiflung lebten, eines Tages von den berüchtigten Bussen in die Tötungsanstalt abgeholt zu werden? Menschen, die sich mit Händen und Füßen gegen ihren Abtransport gewehrt haben, in ihrer Todesangst dem Personal buchstäblich die Kleider vom Leib rissen, sich versteckten, zu flüchten versuchten oder vor Schrecken ganz einfach starr wurden. – Eine der humansten Tötungsarten?

Es dauert gut drei Jahre, bis der Bundesgerichtshof das Urteil aufliebt. Es muß erneut verhandelt werden. Aus „prozeßökonomischen“ Gründen wird das Verfahren gegen Dr. Borm mit dem Ullrich-Verfahren verbunden. Borm wird nur noch seine Tätigkeit in der Vergasungsanstalt vorgeworfen.

Der neue Prozeß soll Ende des Jahres 1971 beginnen. Bereits im Juli kommt aus Celle ein fachärztliches Zeugnis: Bunke habe im April 1968 einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt erlitten. Zu dem Infarktgeschehen sei es gekommen, unmittelbar nachdem die Revision seines Prozesses beantragt worden war. Im November, wenige Wochen vor Prozeßbeginn, wird das Verfahren gegen Bunke vorläufig eingestellt.

Am 6. Dezember 1971, zehn Tage vor dem Prozeß, bescheinigt ein ärztliches Gutachten, daß die Verhandlungsfähigkeit von Dr. Ullrich nicht gegeben sei. Am 15. Dezember, einen Tag vor der Verhandlung, wird auch im Falle Ullrichs das Verfahren vorläufig eingestellt.

Am 6. Februar 1972 wird Endruweit ein Herzinfarkt bescheinigt, er scheidet aus dem sogenannten zweiten Ärzteprozeß aus. Von den vier Angeklagten ist nur noch einer übriggeblieben: Dr. Kurt Borm. Seine Kollegen werden bald bedauert haben, krank geworden zu sein: denn Borm wird am 6. Juni 1972 – fast auf den Tag zehn Jahre nach seiner Verhaftung! – freigesprochen.

Borm habe, so das Urteil, „objektiv Beihilfe zur Tötung von mindestens 6652 Geisteskranken geleistet“, aber das „Unerlaubte“ seines Tuns nicht erkennen können: „In den entscheidenden Jahren seines Heranwachsens ... hat er kaum etwas anderes vernommen als die Verherrlichung nationalsozialistischen Gedankengutes.“

Der Bundesgerichtshof hat den Freispruch am 20. März 1974 bestätigt. Empört schreiben Norbert Blüm, Heinrich Böll, Marion Gräfin Dönhoff, Günter Grass u. a. einen offenen Brief in Bundespräsident Heinemann: „Ob konservativ oder progressiv, kein Mensch auf Erden würde nicht schaudern vor der Privilegierung des Massenmörders und seiner Gesinnung.“ Das Urteil stoße den Staat „in die Schande der Komplizenschaft mit Mördern zurück“.

Die mit Borm angeklagten Ärzte Ullrich, Bunke, Endruweit dürften in den folgenden Jahren zufrieden gewesen sein. In Abständen bescheinigten ihnen Kollegen „verhandlungsunfähig“ zu sein. Zugleich praktizieren sie weiter, operieren zum Teil auch. Sie können in Urlaub fahren, ihren Wohlstand mehren, während die Opfer niemals als Verfolgte des NS-Regimes anerkannt wurden, die Angehörigen nie eine Entschädigung bekamen.

Nun sollten sich die drei Ärzte vom 29. Januar 1986 an wieder vor dem Landgericht Frankfurt verantworten. Doch einer, Dr. Endruweit, erschien nicht – er ist unmittelbar vor Prozeßbeginn krank geworden. Gegen Dr. Ullrich und Dr. Bunke wird dagegen einmal die Woche für zwei Stunden verhandelt.

Das Deutsche Ärzteblatt kommentierte das Verfahren Anfang Februar: „Linke Ideologen ... bestehen auf ‚Mord‘, die Anklage zumindest auf ‚Beihilfe‘ zum Mord.“ Kein Wort darüber, daß die drei – objektiv Beihelfer am Massenmord, subjektiv jedoch ohne Schuldbewußtsein – all die Jahre praktizieren konnten.

Beide Angeklagten haben in Frankfurt jede Aussage zur Person und zur Sache verweigert. Als jedoch Ullrichs frühere Aussagen zur Haltung der Kirchen verlesen sind, gibt der Frauenarzt eine persönliche Erklärung, ehe ihn sein Anwalt bremst. Worum geht es?

Im August 1961 hatte Ullrich einem vernehmenden Staatsanwalt erklärt, er habe im März 1940 – vor seinem Dienstantritt in der Vergasungsanstalt Brandenburg – einen Funktionär der Kanzlei des Führers gefragt, welche Haltung die beiden Kirchen zu der „Aktion“ einnähmen. Dabei sei ihm erklärt worden, mit der evangelischen Kirche sei bald eine Einigung zu erwarten. Ullrich in seiner Aussage: „Auf katholischer Seite wäre man noch nicht so weit, es würden Verhandlungen geführt mit einem höheren Würdenträger, und man sei sich über eine wesentliche Verfahrensfrage noch nicht einig. Die katholische Kirche verlange als Voraussetzung ihrer Zustimmung die Möglichkeit, den zu tötenden Geisteskranken vorher die Sterbesakramente geben zu können.“

Das Landgericht Frankfurt hatte Ullrich im ersten Verfahren, das zum Freispruch führte, manches abgenommen, das seiner Entlastung diente, aber die Vorwürfe an die Kirchen entschieden zurückgewiesen. Dabei hatte Ullrich so unrecht nicht, wenn er auch die Ereignisse zu seinen Gunsten um einige Monate vorverlegte:

In beiden Kirchen hat es mutige einzelne gegeben, die sich der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ entgegenstellten. Der evangelische Pastor Paul Braune verfaßte beispielsweise im Juli 1940 eine Denkschrift für Adolf Hitler, die den Massenmord schonungslos aufdeckte. Diese Denkschrift – die innerhalb der eigenen Kirche geheim gehalten wurde – ist auch in der Reichskanzlei abgegeben worden.

Braune, Vize-Präsident des mehrheitlich „braunen“ Centrai-Ausschusses der Inneren Mission, hat deshalb mehrere Wochen in Gestapo-Haft verbracht.

Als er aus der Haft entlassen wird, muß er sich vom Schatzmeister des Central-Ausschusses sagen lassen, warum er sich auch so exponiert habe. Braune nach dem Krieg: „Die offizielle Kirche schwieg völlig ...“ Auch Pfarrer Ernst Wilm, Mitglied der Bekennenden Kirche, störte sich am Schweigen der offiziellen wie der Bekennenden Kirche. Wilm, nach dem Kriege Präses der Westfälischen Kirche, ist der einzige, der ausdrücklich wegen seines Widerstandes bei der „Euthanasie“ ins Konzentrationslager gekommen ist. Solchen Widerstand hat es bei den Psychiatern im übrigen nicht gegeben.

Pastor Friedrich („Fritz“) v. Bodelschwingh, der Leiter der Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, hat sich im Mai 1945 zwar gerühmt, durch seinen aktiven Widerstand 80 000 Patienten vor der Tötung gerettet zu haben, doch dies entspricht leider nicht der historischen Realität. Zahlreiche Dokumente belegen, daß er als obrigkeitsgläubiger Protestant zu vielen Kompromissen bereit war, sofern die Tötungen auf Schwerstkranke beschränkt und durch Gesetz – ähnlich wie bei der Sterilisierung – geregelt würden.

Bethel hat sogar – ein Ausnahmefall – die eigenen Patienten nach den Vernichtungskriterien selbst begutachtet. Man wollte so verhindern, daß Patienten „irrtümlich“ in die Gaskammer kamen (in anderen Anstalten waren nämlich auch besonders tüchtige Arbeitskräfte abgeholt worden). Bethel hat – anders als es die Legende ausmalt – die Diagnosen nicht nur nicht zugunsten der Bewohner gefälscht, sondern sie sogar freiwillig herausgegeben, als im Februar 1941 eine Kommission von NS-Ärzten zur Selektion anreiste.

Da die Anstalt so sorgfältig vorgearbeitet hatte, konnte die Ärztekommission vorzeitig wieder abreisen. Die Begutachtungsmaßstäbe des Betheler Chefarztes Schorsch sind erhalten. Er rechnete zu den Euthanasie-Kandidaten auch Menschen „mit schwerer körperlicher Behinderung, evtl. bei normaler Psyche und Intelligenz“ (Schreiben vom 20. Januar 1941 an den Regierungspräsidenten in Minden).

Der nazi-infizierte Centrai-Ausschuß der Inneren Mission und die Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche billigten die Morde nicht. Aber sie sprachen dem Staat auch nicht das Recht zum Töten ab. Sie baten lediglich, Mißstände abzustellen und die Bewohner der eigenen Einrichtungen zu schonen.

Der Leiter der Heil- und Pflegeanstalten Stetten, Pastor Ludwig Schiaich, mahnte am 10. Juli 1963 den Neffen v. Bodelschwinghs in einem persönlichen Schreiben: Auch Pastor Fritz v. Bodelschwingh und der Präsident des Central-Ausschusses, Pastor Constantin Frick, hätten sich zu dem Kompromiß „genötigt gesehen, wenigstens anzustreben, daß der Kreis der zu Tötenden durch eine eindeutige Formulierung umschrieben würde, also z. B. daß nur die davon erfaßt würden, ‚die ohne jede feststellbare Regung geistigen und seelischen Lebens dahinvegetierten‘. Pastor Fritz war offenbar ursprünglich sogar zu der weitergehenden Formulierung bereit gewesen: ‚Schwerkranke, die zu keiner geistigen Gemeinschaft und (!) zu keiner Arbeit (!) mehr fähig‘ sind, wie ich aus einem Brief vom 30. 9. 40 Nr. 10 354 an mich schließen mußte. Erst in einem Brief vom 21. 10. 1940 warnte er davor, daß ‚wir uns überhaupt an solcher Formulierung unmittelbar beteiligen‘.“

Die katholische Kirche ist dagegen mit Recht stolz auf die berühmte Predigt des Bischofs von Münster. Clemens August Graf von Galen brachte nämlich am 3. August 1941 die Nationalsozialisten in größte Schwierigkeiten, weil er die als „geheime Reichssache“ durchgeführten Massentötungen öffentlich als Mord anprangerte.

Dabei wird in der Regel jedoch übersehen, daß die Predigt zu einem Zeitpunkt stattfand, da schon mehr als 60 000 Menschen ermordet sind. Galens Predigt ist der erste öffentliche Protest eines Kirchenmannes, das heißt: 19 Monate lang – von Januar 1940 bis August 1941 – hatten die Angehörigen in ihrer großen Not nichts von ihrer Kirche gehört.

Noch heute wird gerne kolportiert, die wagemutige Predigt von Galens habe die Euthanasie „gestoppt“. Es stimmt, die Tötung der Kranken in Gaskammern wird weitgehend beendet – doch sie werden statt dessen bis Kriegsende dem Hungertod preisgegeben oder mit Medikamenten vergiftet. Und die Gaskammern dienen fortan zur Ermordung von KZ-Häftlingen, bis die Konzentrationslager die Mordmethode in eigene Regie übernehmen. Ganz zu schweigen davon, daß zahlreiche T4-Mitarbeiter, die in den Vergasungsanstalten eingesetzt waren, von 1942 an in die Vernichtungslager im Osten kommen. In Treblinka, Sobibor und Belzec sind an einem Tag weitaus mehr Menschen „ins Gas“ getrieben worden als in den „Euthanasie“-Anstalten in einem Monat.

Ein irrsinniger Gedanke

Auch die katholische Kirche hat mit den Euthanasie-Verantwortlichen verhandelt und unter bestimmten Bedingungen (Kautelen) Zugeständnisse erwogen. So schreibt beispielsweise am 5. Oktober 1940 Weihbischof Fischer, Bischöfliches Ordinariat Rottenburg, an den württembergischen Innenminister: „Wir dürfen annehmen, daß dem Herrn Innenminister die grundsätzlichen Darlegungen über die christliche Beurteilung der Vernichtung des sogenannten lebensunwerten Lebens ... bekannt sind ... Wenn wir aber nun schon an der bedauerlichen Sachlage leider nichts ändern können, so müßten wir uns doch schwerer Pflichtversäumnisse anklagen, würden wir nicht alles versuchen, den nach Grafeneck verlegten katholischen Anstaltsinsassen katholische Seelsorge und den Empfang der Sterbesakramente zu ermöglichen.“ – Sterbesakramente vor der Gaskammer: Ein irrsinniger Gedanke.

Im Herbst 1940 sind die katholischen Bischöfe (briefliche Proteste hatten nichts bewirkt) unsicher. Die Situation läßt sich z. B. aus den Akten des Münchener Kardinals Faulhaber entnehmen. Am 29. Oktober 1940 notiert Faulhaber: „Unruhe im Volk ... Ob der Hl. Vater sich wenden solle an die Regierung? Der Hl. Vater tut es zur Zeit nicht...“ Einen Tag später, nach einem Treffen mit Nuntius Orsenigo, hält er fest: „Völlig ruhiger Tod... Ist nicht Sache des Hl. Vaters. Höchstens eine Mahnung, die Bischöfe sollen energischer auftreten.“

Zu dieser Zeit verhandelt Bischof Heinrich Wienken, der Kontaktmann der Bischofskonferenz zur Reichsregierung, mit der „Kanzlei des Führers“. Wienken ist eine umstrittene Figur: Der Vertraute des Berliner Bischofs Preysing, Walter Adolph, hat in seinen Aufzeichnungen vermerkt, bei Wienken frage man sich manchmal, „ob er Beauftragter der Gestapo oder Beauftragter des Episkopats sei.“

Wienken ist bereit gewesen, einer auf „geistig Tote“ begrenzten, gesetzlich geregelten „Euthanasie“ zuzustimmen. Als Gegenleistung sollte die „Provisur“, d. h. die Spendung der Sakramente (Beichte, Kommunion, Krankenölung) bei den Todeskandidaten erlaubt werden – ähnlich wie bei Hinrichtungen. Faulhaber hat Wienken am 18. November 1940 zurückgepfiffen: „Durch die Erklärung, daß nur Vollidioten ausgewählt, daß Kriegsteilnehmer nicht mehr beseitigt werden, wird die Sache ein wenig gemildert. Im Kern handelt es sich nicht um diese Begleiterscheinungen, sondern um die Tatsache, daß man inländische Volksgenossen aus dem Wege räumt, um ausländischen Volksgenossen Raum zu schaffen.“

Wienkens Verhandlungen erledigen sich: Am 2. Dezember 1940 erklärt das Heilige Offizium in Rom, die Tötung eines Unschuldigen wegen geistiger oder körperlicher Defekte verstoße gegen das natürliche und positiv göttliche Recht.

Kirchliche Einrichtungen haben dem Abtransport ihrer Bewohner in aller Regel mehr Widerstand entgegengesetzt als staatliche Anstalten. Niemand weiß, wieviel Ordensfrauen seelisch zerbrochen sind, weil sie nie mehr vergessen konnten, wie ihre Schützlinge schreiend und wimmernd zur Ermordung abgeholt wurden (Einzelbeispiele sind bekannt).

Doch es sollte nicht vergessen werden, daß in zahlreichen kirchlichen Publikationen z. T. bereits vor 1933 psychisch Kranke, Behinderte, sozial Auffällige usw. als „erblich minderwertig“ und als „Untermenschen“ gebrandmarkt worden sind. Auch die Kirchen haben sich am Rufmord beteiligt, der zum Massenmord ausartete. Zwei Beispiele:

Der Bielefelder Pfarrer Kleßmann (Bekennende Kirche) 1934 in den „Pastoralblättern“: „Eine Fülle von Tatsachen zeigt, daß unser Volksbestand durch die starke Zunahme der biologisch Minderwertigen tödlich bedroht ist.“ Der Moraltheologe Mayer, von 1927 an Hauptschriftleiter der Zeitschrift „Caritas“, in seinem im selben Jahr erschienenen Buch „Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker“: „Das Sittengesetz wendet sich nur an geistig Normale, an vernünftige Wesen. Als Subjekte und Träger der sittlichen Ordnung scheiden somit die Geisteskranken aus.“

Mehrere kirchliche Einrichtungen sind sogar selbst Schauplatz von Euthanasie-Maßnahmen gewesen. In der Anstalt Kaufbeuren-Irsee zum Beispiel ließ man die Kranken elend verhungern oder mit Tabletten oder Spritzen töten. Als der Friedhof nicht mehr ausreichte, wurde im Winter 1944 noch ein Krematorium errichtet. Die Ordensschwestern versuchten, den Verhungernden mit Nahrungsgaben zu helfen, sahen ansonsten weg und trösteten sich wohl damit, daß die Ermordeten ein kirchliches Begräbnis bekamen.

In der österreichischen Anstalt Niederhart haben die geistlichen Schwestern gewiß auch von den Tötungen erfahren – wie die Ordensfrauen im westfälischen Niedermarsberg, wo die Kanzlei des Führers behinderte Kinder ermorden ließ. Und in der Heidelberger Universitätsnervenklinik, wo Euthanasie-Forschung betrieben wurde, waren Ordensschwestern die Hausherrinnen.

Oder denken wir an die Anstalt Bernburg, wo in einem Teil der Anstalt weiterhin Psychiatrie betrieben wurde, während in einem abgetrennten Teil Patienten und KZ-Häftlinge zu Tausenden in die Gaskammer kamen und im Krematorium weithin sichtbar verbrannt wurden. Die Diakonissen in Bernburg sahen die ankommenden Transportbusse, hörten die Schreie der Opfer – und teilten mit dem Euthanasie-Personal die Küche.

Oder denken wir an die hessische Anstalt Scheuern, eine Einrichtung der Inneren Mission, die als sogenannte Zwischen-Anstalt diente. Das heißt: Man nahm die aus dem ganzen Reich antransportierten Opfer so lange auf, bis sie in Hadamar „desinfiziert“ wurden. Der Schulleiter der Anstalt, Hainbuch, war 1936 auf einer Tagung in Bethel mit strammen Sprüchen aufgetreten:

Die Zöglinge, hat das Protokoll festgehalten, würden „als wertwidrig empfunden“. Die Heil- und Pflegeanstalten seien „Sammelbecken, in denen die Sichtung des der Erbkrankheit verdächtigen Materials (!) vorgenommen wird“. Und weiter: „Durch die Aussonderung der erbkranken Menschen aus dem Volke werden a) wertvolle Kräfte, die durch die Pflege der kranken Menschen gebunden waren, für die Tätigkeit in Familie und Volk frei, und b) das sittliche Niveau des Volkes wird gehoben. (Geistesschwache und Psychopathen werden häufig kriminell und wirken als „zersetzende Hefe’ im Volke.)“

Wer solchermaßen die eigenen Pflegebefohlenen als „zersetzende Hefe“ diffamierte, mußte nicht von den nationalsozialistischen Machthabern gleichgeschaltet werden. Dies war das Dilemma der meisten kirchlichen wie staatlichen Anstalten: Man hatte sich selbst an der Kampagne gegen die „Lebensunwerten“ oder „Minderwertigen“ beteiligt. Behinderte, Kranke, Nichtseßhafte, kriminell gewordene waren schon früh als Gefahr verschrien worden.

Die Ullrichs, Bunkes, Endruweits – oder wie immer sie heißen – führten aus, was andere vorgedacht hatten. Der systematische Krankenmord ist bis heute tabuisiert (zur Verhandlung sind auch keine kirchlichen Prozeßbeobachter erschienen). Die ausführenden Ärzte konnten nicht zuletzt deshalb jahrzehntelang praktizieren, weil zu viele schuldig geworden waren: Die Gesundheitsverwaltungen hatten ihren Apparat zur Verfügung gestellt, um die Vernichtung zu organisieren. Die psychiatrischen Lehrstuhlinhaber hatten sich nicht gegen das Morden gestemmt. Im Gegenteil, manche hatten sich sogar als Gutachter zur Verfügung gestellt und über Leben und Tod der Opfer entschieden. Die höchsten Juristen des Reiches waren informiert und deckten die Vernichtungsaktion oder förderten sie sogar. Selbst die Kirchen, die sich nach Kriegsende erfolgreich als Schützer der Kranken darstellten, waren tief verstrickt. Jede Gruppe war mit der eigenen Fassadensäuberung beschäftigt, da wollten „Mitschuldige“ nicht auf „Schuldige“ zeigen.

Nach dem Kriege wurden die Täter und ihre Gesinnungsgenossen rehabilitiert. Die Opfer vergaß man – sicherlich nicht ohne Grund. So haben Psychiatriepatienten und ihre Angehörigen bis heute darunter zu leiden, daß ein Kapitel deutscher Geschichte absichtlich nicht aufgearbeitet wurde. Der Makel ist geblieben. Psychiatriepatienten werden bis heute schlechter behandelt als körperlich Kranke. Und was ist mit ihnen geplant, sollte ein neuer Kriegsfall eintreten?