Primaten

Als „Primaten“ bezeichnete Linné die Affen, Halbaffen, Menschenaffen und Menschen: nämlich als Tiere „ersten“ (primus) Ranges. An die zweite Stelle verwies er alle Säugetiere, außer den Primaten, die er recht passend als secundates bezeichnete. Alle übrigen Tiere waren für ihn von drittem Rang, tertiates. Im Deutschen heißen die Primaten auch Herrentiere. Sie bilden eine systematische Ordnung innerhalb der Klasse der Säugetiere. Es sind vom Typ her baumbewohnende Tiere, die lange Gliedmaßen und viele Anpassungen aufweisen, welche mit dem Leben auf den Bäumen und der brachiatorischen – hangelnden oder schwing-kletternden – Fortbewegung zusammenhängen. Dazu gehören die opponierbaren Großzehen mit daumenähnlichen Funktionen, das überragende Sehvermögen und das beidäugige Sehen mit nach vorn gerichteten Augen – ein Merkmal, durch das Tiere zum erstenmal mit etwas ausgestattet wurden, das erkennbar ein Gesicht ist.

Die Primaten stammen von Insektenfressern ab, wahrscheinlich von Tieren, die sehr den heutigen Spitzhörnchen ähneln. Merkwürdig ist allerdings, daß die Gesichter der Primaten Grundlage einer taxonomischen Unterscheidung sind: Primaten mit einer schmalen Nasenscheidewand heißen Catarrhina und umfassen die altweltlichen Affen, die Menschenaffen und den Menschen, solche mit einer breiten Nasenscheidewand und einem etwas flachen Gesicht heißen Platyrhina und umfassen die neuweltlichen Affen.

Gewiß war es ihre Ähnlichkeit mit dem Menschen und den ihm nächststehenden Tieren, die Linné veranlaßte, die Primaten als die ersten unter den Tieren zu bezeichnen. Das wiederum muß uns Anlaß sein, die Menschen als die ersten unter den Primaten zu bezeichnen – nur Böswilligkeit oder pubertärer Zynismus wird ihnen diesen Rang streitig machen.

Eines der menschenähnlichsten Merkmale der großen Menschenaffen (besonders der Schimpansen) ist, wie Jane Goodall beobachtet hat, ein Ansatz von exogenetischer Vererbung: die Weitergabe von Informationen von einer Generation zur anderen durch nicht-genetische Kanäle. Genau dies ist das Merkmal, dem die Menschen ihre Stellung als erste unter den Primaten verdanken.

Protoplasma

Joseph Woodger, Biologe und Vertreter der mathematischen Logik, schrieb vor über fünfzig Jahren: „Die Biologen reden tatsächlich, als gäbe es in der Natur einen Stoff mit Namen Protoplasma. Bei näherem Zusehen scheint es für diese Ansicht keine Rechtfertigung zu geben.“ Der Vitalist Hans Driesch hatte unerwartet den modernen praktischen Sprachgebrauch vorweggenommen: „Protoplasma ist bloß ein Name für das, was nicht der Zellkern ist.“ Heute wird der Terminus praktisch nur noch als allgemeine Bezeichnung für Zellsaft verwendet. In den alten Zeiten jedoch, als man glaubte, es gebe eine Substanz, auf die man zu Recht den Ausdruck „Protoplasma“ anwenden könne, wurde viel über seine Feinstruktur debattiert. Es gab eine Granular-Theorie, es gab eine Reticular-Theorie, ja es gab eigentlich ebenso viele Theorien, wie es Fixiermittel gab, um Gewebe für die Anfertigung von mikroskopischen Präparaten zu verfestigen. Solche Fixiermittel enthalten nämlich fast immer Stoffe, die Protein gerinnen lassen, und es war das unterschiedliche Ausfällungsverhalten der Proteine, was die verschiedenen Theorien der Protoplasma-Struktur entstehen ließ. Thomas Henry Huxley zweifelte nicht an der physikalischen Realität des Protoplasmas: „Ich habe den Ausdruck Protoplasma, welches der wissenschaftliche Name für die Substanz ist, ... übersetzt mit ‚ physikalische Grundlage des Lebens‘.“

Das Protoplasma war so etwas wie ein naturphilosophischer Äther. So wie man glaubte, der Äther durchdringe alle materiellen Gebilde der Welt und fungiere als Medium der Ausbreitung elektromagnetischer Wellen, dachte man, die lebende Substanz Protoplasma durchdringe ansonsten unbelebte Gebilde und verleihe ihnen Leben.

Die Idee des Protoplasmas ließ Ernst Haeckel vermuten, es gebe sehr niedrige Organismen, die nur aus „nacktem Protoplasma“, aus „Urschleim“ bestünden. Er versicherte, er habe solche Organismen entdeckt, und nannte sie „Monera“. Huxley wollte sich in der damals von starkem Konkurrenzdenken bestimmten wissenschaftlichen Entwicklung nicht ausstechen lassen und beschrieb ein aus den Tiefen des Nordatlantik gefischtes Exemplar von Monera, das er aus Hochachtung vor dem gelehrten Zoologen aus Jena Bathybius haeckeli taufte. Inzwischen ist das Wort „Protoplasma“ so ziemlich aus dem Verkehr gezogen worden – ein Schicksal, das ihm gewiß erspart geblieben wäre, wenn es irgendeinen nützlichen Zweck hätte, und sei es auch nur als eine erste Annäherung an die Realität.

Die Protoplasma-Vorstellung wurde aufgegeben, weil man allmählich erkannte, daß die Grundlage der Lebensvorgänge nicht kolloidaler, sondern struktureller Natur ist. Schon die ersten Versuche einer Röntgen-Kristallographie von Körperteilen zusammen mit elektronenmikroskopischen Befunden machten deutlich, daß die Ordnung lebender Zellen und ihrer Produkte im wesentlichen eine Ordnung von festen, kristallinen Körpern war; auch die kleinen Organellen in der Zelle sind winzige feste Körper, die nur so wirken, als hindere uns allein ihre Kleinheit daran, sie herauszunehmen und mit ihnen zu hantieren. Die zeitlichen und räumlichen Eigentümlichkeiten des Stoffwechels – warum Stoffwechselvorgänge sich hier und nicht dort, jetzt und nicht später abspielen – besitzen also eine strukturelle Grundlage, und die hat mit dem Urschleim sehr wenig zu tun.

Aus dem philosophischen Lexikon der Biologie „Aristotle to Zoos“ von Peter B. Medawar und Jean S. Medawar