/ Von Uwe Prieser

Anna Kondraschowa dreht sich in ihre Tanzfiguren hinein, und dann dreht sie sich wieder aus ihnen heraus, und so wie sie sich dreht, weht der seidene Schal in ihrer Hand. Manchmal dehnt sich die Zeit aus, und dann zieht sich die Zeit wieder ganz schnell zusammen. Zwischendurch vergißt man, was man hört, weil man es ja sehen kann. Anna Kondraschowa läßt den Schal los, und er sinkt sehr langsam auf das Eis, aber die Musik hat noch nicht aufgehört, und Anna Kondraschowa läuft weiter. Und dann hat man den Schal vergessen.

„Und dann verwandele ich mich“, sagte Anna Kondraschowa. An den Wänden der Cafeteria hingen Eiskunstlauf-Plakate mit Mädchen, die Gesichter hatten wie die Mädchen auf Zigarettenreklamen. Wenn die Tür aufging, hörte man die blecherne Musik aus der Eishalle, aber Anna Kondraschowa hörte nicht hin. Sie erzählte, daß sie ihre Kür diesmal in fünf Sätzen aufgebaut habe. Erster Satz: Feierlichkeit, zweiter Satz: Sanftmut, dritter Satz: Spiel, vierter Satz: Abwesenheit, fünfter Satz: Siegesfreude.

Ihr kurzes, dunkles Haar wuchs aus der Stirn weg, und wenn sie lachte, schüttelte sie es manchmal. Und immer schien alles in ihrem Gesicht in Bewegung zu sein, auch wenn sie ihren Kopf ganz still hielt. „Ich habe es gern, diesen Wechsel der Stimmungen zu fühlen“, sagte sie. „Wenn ich laufe, hat jede Stimmung ihre eigene Bewegung und ihre eigene Geschwindigkeit Und dann verwandele ich mich darin.“

Ein schwerer Schneehimmel hing über der Stadt. Anna Kondraschowa sagte, daß sie Moskau liebe, und im Sommer liebe sie Moskau sehr. Sie ist im Sommer in Moskau geboren worden und jetzt zwanzig Jahre alt. Weltmeisterin oder Olympiasiegerin war sie noch nicht. Doch als sich die Internationale Eislauf-Union Gedanken machte, wer dem Eiskunstlauf der Damen die im Wettbewerb der Dreifachsprünge abhanden gekommene Grazie zurückgeben könnte, da ist ihr Name gefallen. Das war im März 1984 in Ottawa gewesen. Anna Kondraschowa war Zweite bei der Weltmeisterschaft geworden.

1982 hatte sie bei der Winterspartakiade gewonnen und im Jahr darauf bei der Europameisterschaft in Dortmund ihr internationales Debüt gegeben. Sie wurde Fünfte. Kein Mensch, mit Ausnahme der Russen, interessierte sich groß für Anna Kondraschowa. Nur später beim Nachdenken über den Wettbewerb fiel einem etwas Blaues ein, das sehr leicht gewesen war und das, solange es da unten auf dem Eis lief, nicht an den Medaillenkampf der anderen hatte denken lassen. Beinahe ein entspanntes Zwischenspiel in einem angestrengten Wettkampf. So war Anna Kondraschowa gekommen: Kaum wahrgenommen, doch in Erinnerung geblieben.