Am 5. März ist in Esslingen Hanns-Hermann Kersten, 57 Jahre alt, vermutlich an einer Überdosis Tabletten gestorben. Die Leser dieser Zeitung kennen ihn als hintersinnigen, zuweilen bissigen Rezensenten des schwierigen Fachs Humor und Satire. Er trug die Trauer der großen Clowns, und kaum einer hat es gemerkt. Der gelernte Theologe aus Magdeburg war immer anders, als von ihm erwartet wurde. Deshalb entschied er sich auch nicht fürs Predigen, jedenfalls nicht so einfach mit Kanzel und Oben und Unten. Er wurde Bibliothekar, Redakteur und Satiriker. Nach seiner Definition ist „Intelligenz so ziemlich das Dümmste, was einem passieren kann“. Mehrere Bücher erschienen, zuletzt „50 falsche Fuffziger“ und „Grüner wird’s nicht“ beim alternativen Verlag Librist in Uetze-Dollbergen. Waren es anfangs noch „Euphorismen & rosa Reime“, mit denen er Lachen erzeugte, so äußerte sich am Schluß nur noch der reine Galgenhumor: „Verlorene Liebesmüh, meine Herren Satiriker: die Zustände spotten jeden Spottes.“ Er traf – feinsinnig, unerbittlich genau, ehrlich – auch sich selbst: „Clown: Kummerjäger.“ Er hat seine Freiheit am Neckar gesucht und erst im Tod gefunden. Seine Depression war exogen: Pershing, Dioxin, Arbeitslosigkeit, neu. erwachender Ungeist – einfach zu viel für einen, der dichten wollte, aber nicht lügen. Widmar Puhl