Die chinesische Schriftstellerin Ding Ling ist am 4. März im Alter von zweiundachtzig Jahren in Peking gestorben. Ding Lings „Tagebuch der Sophia“ (1928) fand 1980 bei uns eine überraschende Resonanz: Kein Mensch konnte sich eine moderne Chinesin freimütig über ihre sexuellen Probleme schreibend vorstellen. In Ostberlin war 1952 ihr aus eigenen Erfahrungen schöpfender Roman „Die Sonne über dem Sanggang-Fluß“ (1948) erschienen, für den die Autorin 1951 den Stalinpreis erhalten hatte. Beide Prosawerke können gleichsam als Eckpunkte von Ding Lings schriftstellerischer Arbeit gesehen werden: Das Tagebuch als Zeugnis des Frauenprotestes, Ausdruck romantischer Leidenschaft und Selbsterkundung einer jungen, lungenkranken Frau; bei der Niederschrift des Romans über die Landreform der Kommunisten, zwei Jahrzehnte später, bekannte sich die völlig gewandelte Autorin Ding Ling dazu, „die eigene Individualität im Kollektiv aufgehen zu lassen“.

1933 wurde sie von der Kuomintang verschleppt, doch ließ sich Ding Ling auch durch drei Jahre Gefängnis und Hausarrest nicht umstimmen. Sie konnte zu den Kommunisten fliehen, wo Mao Zedong sie mit offenen Armen empfing und ihr das Feuilleton der Befreiungszeitung übertrug. Trotz intensiver Versuche, „Massenliteratur“ zu verfassen, eckt sie bald an. Zu verschieden sind die Ideale der radikalisierten Intelligenz aus Shanghai und der unter den Bauern agitierenden Kommunistischen Partei Chinas.

Nach 1949 stieg die 1904 geborene Ding Ling zur angesehenen Literaturfunktionärin auf. Als die Liberalisierungsansätze der „Hundert Blumen“ in eine Kampagne gegen Rechtsabweichler umschlug, ist sie Ziel der Angriffe. Drei Monate lang wird 1957 gegen die „Ding-Antipartei-Clique“ in den Medien gehetzt. Der offizielle Puritanismus wirft ihr „Immoralität“, „Vergiftung der Jugend“ und einen „Superioritätskomplex“ vor. Zwei Jahrzehnte darf die Schriftstellerin nicht in ihrem Beruf arbeiten. Sie schuftet auf einer Staatsfarm im Norden. Nach ihrer Rehabilitierung 1979 ist Ding Ling wieder vielseitig aktiv, unter anderem als eine der Stellvertretenden Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes. Sie fand jedoch bei der jungen Generation kein so großes Echo mehr. Als orthodoxes Parteimitglied stimmte sie 1983/84 in den Chor der offiziellen Angriffe gegen unbotsame Schriftsteller ein und verurteilte „Modernismus“ als unzulässige Westorientierung in der bald wieder abgebrochenen Kampagne gegen „Geistige Verschmutzung“.

Doch darauf gründete sie eine neue Zeitschrift und räumte paradoxerweise den eben kritisierten Nachwuchsautoren wie dem viel diskutierten Lyriker Bei Dao Platz ein. Das sicherte ihr die Sympathien der jungen Autoren. So simpel und so linientreu ist Ding Ling dann doch wieder nicht gewesen. – Literarisch wird wohl eher das noch hinreichend übersetzte Frühwerk der verstorbenen Schriftstellerin Bestand haben.

Helmut Martin