Da müht sich die konservativ-liberale Bundesregierung seit Oktober 1982 verbissen um das Wohlergehen der Wirtschaft. Sie kürzt Sozialausgaben, fördert den Wohnungsbau, beschließt allerlei Konjunkturprogramme, ohne sie so zu nennen, senkt die Steuern, entrümpelt das Arbeitsrecht und verfolgt bei all ihrem angestrengten Tun nur ein Ziel: Wachstum.

Denn nur mit kräftigem Wirtschaftswachstum, so die Überzeugung der Bundesregierung, kann auch die gravierendste ökonomische Fehlentwicklung, die Arbeitslosigkeit, beseitigt werden. Und dann sagt Kurt Biedenkopf, gerade zum Landesvorsitzenden der CDU in Nordrhein-Westfalen gewählt, in einem Interview mit dem Spiegel, „daß es keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Beschäftigungsvolumen gibt“. Die Union ist ja allerhand Überraschungen von ihrem brillanten Professor gewöhnt, aber was der originelle Querkopf da von sich gegeben hat, muß wackeren Christdemokraten und wachstumsgläubigen Wirtschaftsliberalen wie Häresie anmuten. Denn hätte Biedenkopf recht, dann hätten die Koalitionsparteien seit ihrer Machtübernahme mit untauglichen Mitteln versucht, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Das ganze ökonomische Weltbild, auch der meisten Sozialdemokraten und Gewerkschafter, wäre durch die ketzerische Bemerkung des Professors aus dem Gleichgewicht gebracht.

Ganz so schlimm wird es nicht kommen. Denn es kann keinen Zweifel daran geben, daß eine wachsende Wirtschaft, bei sonst gleichen Voraussetzungen, mehr Jobs anbieten kann als eine stagnierende oder gar schrumpfende Ökonomie. Diese Schlußfolgerung legt jedenfalls der rasche Abbau der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg nahe, der vor allem deshalb gelang, weil die Wachstumsraten hoch, zeitweilig sogar zweistellig waren.

Daß der von Biedenkopf bestrittene Zusammenhang künftig ebenfalls bestehen wird, legt auch ein Szenario nahe, das von den Prognos-Wirtschaftsforschen gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung entwickelt worden ist. Das Resultat: Wächst die deutsche Wirtschaft längerfristig um drei Prozent, so werden von 1985 bis zum Jahr 2000 eine Million zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen; gibt es nur ein Wachstum von einem Prozent, so verschwinden über 2,5 Millionen Stellen.

Obwohl Biedenkopfs These falsch ist, können sich seine Kollegen in der Koalition nicht selbstzufrieden in die Sessel zurücklehnen. Denn es ist unwahrscheinlich, daß unsere Wirtschaft in den nächsten Jahren stark genug wächst, um allen Arbeitslosen wieder zu einem Job zu verhelfen. Die phantastischen Wachstumsraten der fünfziger und frühen sechziger Jahre waren Ausnahmen. In den siebziger Jahren hingegen haben fast alle Industrieländer, auch die Bundesrepublik, erheblich an Dynamik eingebüßt. Die kargen Plusraten der vergangenen Jahre sind der Normalfall.

Selbst wenn das Bruttosozialprodukt der Bundesrepublik 1986 um vier Prozent wachsen sollte, wäre damit noch nicht das Gegenteil bewiesen. Bei aller Freude über den derzeit kräftigen Aufschwung dürfen wir nämlich nicht vergessen, daß er in diesem Jahr durch eine Verkettung glücklicher Zufälle enormen Schub bekommen hat. Die Steuersenkung erspart den Steuerzahlern zehn Milliarden Mark Abgaben, und die fallenden Ölpreise machen die Bundesbürger um mindestens dreißig Milliarden Mark reicher. Solche Geschenke sind selten und deshalb keine Therapie zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Peter Christ