Existenzgründungen: Die Hätschelkinder werden erwachsen
Das vielgepriesene Berliner Innovationszentrum muß seine ersten Schwierigkeiten bewältigen
Von Suse Weidenbach
Das fast schon legendäre Image vom Berliner Innovations- und Gründerzentrum hat einen ersten Kratzer bekommen. Waren in der Vergangenheit Superlative gerade gut genug, um das Vorzeigeobjekt „Silicon Wedding“ zu beschreiben, ist die Euphorie inzwischen zumindest an der Spree einem gedämpften Optimismus gewichen. Anlaß für den Stimmungswechsel: Der erste Versuch, das Management des Gründerzentrums mit dem symbolischen Kürzel BIG zu privatisieren, ist gescheitert.
Diese Hiobsbotschaft aus der „Brutstätte für zukunftsträchtige Technologien“ (so Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen) erhielt natürlich nicht die sonst übliche Publicity, und hätte nicht ein Beteiligter seinem Ärger lautstark Luft gemacht, wäre die erste Schramme sicherlich kaum aufgefallen. Michael Höbich, Kanzler der Technischen Universität (TU), die das Zentrum bis heute verwaltet, kommentierte das Scheitern der privatwirtschaftlichen Lösung mit den Worten, das BIG sowie der benachbarte, „Technologie- und Innovationspark (TIP)“ befänden sich auf dem „absterbenden Ast“.
Doch das vorzeitig geläutete Totenglöcklein weckte neuen Lebensmut ausgerechnet bei denjenigen, die als ihre eigenen Totengräber ausgeguckt waren. Die BIG-Unternehmer selbst, bisher nach eigenem Bekunden eine „schweigende, manipulierbare Masse“, fühlten sich herausgefordert. Bisher stets als Hätschelkinder der Wirtschaftspolitik hofiert, entdeckten die „Turnschuhunternehmer“ den Reiz der Mitbestimmung. „Ohne uns läuft nichts mehr; wir werden die Maßstäbe für die künftige Arbeit setzen“, postuliert Norbert Schlimm, Musterkind unter den BIG-Unternehmern und Mitglied des neu gewählten fünfköpfigen Sprecherrates der 33 Firmen.
Die jungen Gründer rücken zusammen, nicht nur, weil sie über Höbichs Kommentar verärgert sind, sondern auch aus Enttäuschung über die Informationspolitik der Technischen Universität. Als sie aus der Zeitung erfuhren, daß nach den Privatisierungsplänen der Hochschule die Deutsche Bank eine maßgebliche Rolle bei einer neuen Trägergesellschaft übernehmen sollte, „wurde Unbehagen artikuliert“. Vor allem die kleinen Firmen ängstigte die Vorstellung eines dominierenden „Multis“ im Management des BIG.
Ursula von Krosigk, Mitbesitzerin der „Fünf-Frau“-Firma „tech writers“, machte im renommierten amerikanischen Wall Street Journal ihre Bedenken öffentlich. Die Kritik und der Spruch „vom BIG zum Flick“ wiederum veranlaßte die Angegriffene zum Rückzug: Die Deutsche Bank Berlin ließ verkünden, sie werde das Vorhaben solange nicht mehr verfolgen, bis alle Beteiligten, einschließlich der Mieter, Einvernehmen über ihre Mitwirkung erzielt hätten.
Der Rückzug der Bank und damit das Scheitern des ersten Privatisierungskonzepts, an dem neben dem Geldinstitut noch eine amerikanische Unternehmensberatungsfirma sowie ein deutsches im Venture-Capital-Geschäft tätiges Unternehmen beteiligt waren, verursachte unterschiedliche Reaktionen. Während TU-Präsident Manfred Fricke moderat meinte, jetzt müßten mit Besonnenheit neue Wege für das Management von BIG und TIP gefunden werden, meinte sein Kanzler, vier Jahre Arbeit seien umsonst gewesen. Diese Äußerung Höbichs, der im Ehrenamt Schatzmeister der Berliner FDP ist, war Wasser auf die Mühlen der politischen Opposition im Abgeordnetenhaus. Der SPD-Fraktionsvize und Berliner IG-Metall-Chef Horst Wagner nahm denn auch gleich die ganze „konservative Existenzgründungspolitik“ des CDU/FDP-Senats ins Visier.
Um dem rapiden Abbau industrieller Arbeitsplätze in Westberlin zu begegnen, hatte Wirtschaftssenator Elmar Pieroth (CDU) schon frühzeitig begonnen, junge Unternehmer zu bezuschussen. Aus dem Innovationsfond des Senators wurden seit Anfang 1983 vierzig Firmen, davon 28 technologieorientierte Gründungsunternehmen, mit rund 25 Millionen Mark gefördert. Weitere zwanzig Millionen schössen private Venture-Capital-Gesellschaften hinzu. Damit wurde allerdings nur ein kleiner Teil der in den vergangenen drei Jahren in Berlin neu gegründeten zweihundert Technologiefirmen unterstützt.
Die Fördermittel aus dem Topf des Wirtschaftssenators werden als Kredit oder stille Beteiligung gewährt, müssen also zurückgezahlt werden, wobei die ersten beiden Jahre, bei manchen Projekten auch die ersten vier Jahre, tilgungsfrei sind. Das BIG selbst verursacht pro Jahr 500 000 Mark Kosten, wovon der Senat mittelfristig die Hälfte übernimmt (die Erstattung nimmt mit der Verweildauer der Firmen im Zentrum ab). Für den Umbau der ehemaligen AEG-Fabrik an der Ackerstrasse im Arbeiterviertel Wedding gab der Staat einmalig sechs Millionen Mark aus. Die Firmen zahlen nach Auskunft der Wirtschaftsverwaltung kostendeckende Mieten.
Die BIG-Unternehmer wehren sich vehement gegen die Vorstellung, sie funktionierten nur dank der staatlichen Subvention. „Die Senatsgelder gehen vorwiegend in den Dienstleistungsapparat, der uns nicht viel nützt“, meint Herwig Michel-Kim von der Entwicklungsgesellschaft für Energie und Umwelt mbH. Zum gemeinsamen Service gehören zum Beispiel die Telephonzentrale, Fernschreiber und Reinigungskolonnen. Michel-Kim, der ebenfalls dem Sprecherrat der Firmen angehört, hat inzwischen den Begriff der „neuen Qualität“ kreiert, die jetzt mit Beginn der Wachstumsphase ins Gründerzentrum einziehen soll.
Obwohl die Technische Universität – an der übrigens viele der jungen Firmenchefs ausgebildet wurden – sich in der Vergangenheit sehr bemüht habe, könne sie heute kein begleitender Partner für die BIG-Firmen mehr sein, meint Norbert Schlimm, dessen Firma Ro-Ber in zweijährigem Aufenthalt an der Ackerstrasse von zwei auf 22 Beschäftigte expandierte.
Übereinstimmend mit seinen Kollegen bemängelt er, daß es keine kaufmännische Betreuung, keine Marketing-Beratung und nicht einmal eine Anlage für die Lohnbuchhaltung im BIG gebe. Die Darstellung des ersten deutschen Gründerzentrums nach außen sei so gut gelungen, daß man es sich habe leisten können, die Arbeit nach innen zu vernachlässigen. Im jüngst von den Jungunternehmern entworfenen Konzept eines „BIG neuer Qualität“ haben denn auch die vermißten Bereiche einen hohen Stellenwert. Doch die BIG-Leute wollen selbst auch einiges leisten. So könnten sie zehn bis zwanzig Prozent ihres Umsatzes mit der Technologieberatung für andere Unternehmen erzielen. „Wir könnten unsere Erfahrungen weitergeben, warum nicht auch an Siemens“, meint Schlimm.
Getreu der von Michel-Kim formulierten Maxime, daß im BIG nach dem Prinzip Hoffnung jetzt das Prinzip Leistung gelten müsse, favorisiert auch die große Mehrheit der Firmen eine private Geschäftsführung. Neben einer Beteiligung der Banken („bei vernünftigen Rahmenbedingungen, kein Flaggschiff“), der BIG-Firmen selbst sowie einer privaten Technologieberatung soll nach den Vorstellungen des Sprecherrats vor allem die Industrie angesprochen werden – Hochkaräter natürlich wie Daimler-Benz, Volkswagen, Siemens, Mannesmann und Nixdorf.
Der Senat, mit dessen Hilfe die BIG-Leute Kontakte zu ihren Wunschpartnern anknüpfen wollen, sieht sich gern als Moderator zwischen den jungen Unternehmern und „potenten Interessenten“ von außen, deren Namen der zuständige Abteilungsleiter im Hause Pieroth, Koppenhagen, momentan allerdings auf keinen Fall preisgeben will.
Selbst die Deutsche Bank Berlin, deren Rückzug die Aktivität auslöste, sitzt keineswegs im Schmollwinkel. Wenn ein vom Senat abgesegnetes Konzept der BIG-Firmen sowie der Geschäftsführung, die von der TU gestellt wird, eine Beteiligung der Bank vorsehe, „dann denken wir nach“, sagt Vorstandsmitglied Kurt Katsch. Seinem Credo, es dürfe „um Gottes willen keine Veranstaltung der Deutschen Bank“ sein, dürfte die neueste Entwicklung Rechnung tragen.
Auch die Sparkassse der Stadt Berlin West und die Commerzbank haben Interesse signalisiert. Rentabilitätsgesichtspunkte müssen dabei zunächst wohl einmal zurückgestellt werden. Wenn Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen wären, könnten sich die Privatisierer glücklich schätzen, meint Kasch. Er sieht das Engagement seines Hauses für Gründer als „Unterstützung unternehmerischen Fluidums“ in Berlin, und zwar mit privatwirtschaftlichen und nicht nur öffentlichen Mitteln.
Stadt, Politik und die Technische Universität haben auch nach Einschätzung von TU-Präsident Fricke „eine Menge Impulse“ durch das Konzept des Gründerzentrums erhalten. Die Attraktivität gehe jetzt aber über in Routine, „und Routine bringt Rückschläge“.
Über den Rückzug der Hochschule aus dem Management sind TU-Präsident und Jungunternehmer gar nicht traurig. Die im BIG anfallenden Managementfunktionen könnten längerfristig nicht mit der Struktur einer Universität harmonisieren, hatte Fricke bereits zu Beginn seiner Amtszeit vor Jahresfrist erklärt. Die zunächst von der TU favorisierte Privatisierung, die eine Minderheitsbeteiligung der Hochschule ohne Kapitaleinsatz vorsah, war aber bereits auf den Widerspruch von Wissenschaftssenator Wilhelm Kewenig (CDU) gestoßen, noch bevor die privaten Interessen ihren Rückzug erklärten.
Nach den Vorstellungen Frickes soll die Idee, Firmen in der Nähe der Universität zu plazieren, in die Zielsetzungen der TU eingebettet bleiben. Mit Hilfe eines Kooperationsvertrages will die Hochschule später ihre Bindung zu den Firmen erhalten, ohne für deren Schicksal verantwortlich zu sein.
Die Hoffnung, daß es den „Turnschuhunternehmern“ gelingen werde, den Arbeitsmarkt nachhaltig zu beleben, ist schon heute gedämpft. Nach einer Untersuchung der Fachhochschule für Wirtschaft wuchsen die in Berlin neu gegründeten Technologiefirmen nur um durchschnittlich 1,7 Arbeitsplätze pro Jahr. Für den Berliner DGB ist es deshalb wichtig, daß sich die technologischen Entwicklungen mittelfristig in Produktion umsetzen lassen und damit qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen werden. DGB-Wirtschaftssekretär Hermann Burghorst ist allerdings skeptisch, ob Unternehmen, die nach erfolgreicher und subventionierter Entwicklung aus dem BIG ausscheiden, auch in Berlin bleiben und ihr Erfolg damit auch der Wirtschaft der Stadt zugute kommt.
Wie auch immer sie sich später entscheiden, vorerst sind die jungen Macher von der Ackerstraße voller Energie: „Die Substanz ist riesengroß, nichts geht den Bach runter“, versichert Roboterkonstrukteur Schlimm. Und der Chemiker Michel-Kim kündigt im Vollbesitz des neuen Gründerselbstbewußtseins an, man wolle „Hefe für Berlin“ sein.
Der „Innovationstourismus“ wächst derweil – 7000 Besucher kamen bisher in das BIG. 2780 Mark hat die jüngste Visite des Bundesforschungsministers gekostet. Für prominente Touristen sollen „im Interesse Berlins“ auch in Zukunft die Maschinen angeworfen werden. Die Stadt aber sollte künftig diese Sympathiewerbung bezahlen, schlägt der kostenbewußte Jungunternehmer Schlimm vor. Wenn das nicht im Sinne der Privatmanager ist ...



