Nach fünf Jahren der EG-Mitgliedschaft hat das Land noch nicht den Anschluß an die Partnerstaaten gefunden

Von Bernd Loppow

Deutschen Urlaubern würden die Gaumenfreuden ihres griechischen Abendessens in der Plaka, der Athener Altstadt im Schatten der Akropolis, womöglich verleidet, wenn ihnen die Herkunft der Köstlichkeiten bekannt wäre: Die zum Suvlaki aufgespießten Schweinefleischstückchen kommen vielfach direkt aus deutschen Schweinemastbetrieben frisch auf den griechischen Tisch, der hochgerühmte griechische Ziegenkäse zu großen Teilen aus Spezialbetrieben in Dänemark, und die Milch zum Kaffee stammt von glücklichen Kühen im Allgäu.

Der Import derartiger Nahrungsmittel von einem Mitglied der Europäischen Gemeinschaft (EG), das sich nicht selbst mit Milchprodukten, Rind- und Schweinefleisch versorgen kann, zeigt, wie es um die griechische Wirtschaft steht. Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erteilt dem Land in ihrem jüngsten Länderbericht in fast allen Fächern die Note mangelhaft. In allen Sektoren der griechischen Wirtschaft behindern Strukturprobleme die Entwicklung; ein gehöriges Maß an Mitschuld wird der Politik der von Andreas Papandreou geführten Regierung, der „Panhellenischen Sozialistischen Bewegung“ (PASOK), zugeschrieben.

Die von der OECD gezogene Bilanz ist in der Tat niederschmetternd: Während alle anderen westlichen Industrieländer 1985 sinkende Inflationsraten aufwiesen, stieg die Preissteigerungsrate in Griechenland auf fast neunzehn Prozent an. Für das Jahr 1986 wird sogar erwartet, daß die Verbraucherpreise um 21 Prozent hochschnellen werden. Gegenüber Wachstumsraten von rund drei Prozent für die westlichen Industrieländer dürfte das griechische Bruttosozialprodukt, also der Wert aller im Laufe eines Jahres erzeugten Güter und Dienstleistungen, in diesem Jahr um ein Prozent schrumpfen. Im vergangenen Jahr hatte es noch ein Wachstum von real drei Prozent gegeben. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit über die Rate von 8,5 Prozent hinaus konnte nur durch eine übertriebene Sozialpolitik verhindert werden.

Seit fünf Jahren ist Griechenland nun Mitglied der EG. Ursprüngliche Hoffnungen haben sich nur zum Teil erfüllt. Die Überweisungen aus der EG-Kasse trugen zwar zur Linderung chronischer Finanznöte bei, der freie Zugang der griechischen Waren und Dienstleistungen auf dem EG-Markt mit über zweihundert Millionen Verbrauchern brachte indes keine Exporterfolge. Im Gegenteil: Im Integrationsjahr 1981 überschwemmten die Waren aus der EG den griechischen Markt. Erstmals wurden mehr Produkte aus der Gemeinschaft ein- als ausgeführt. Zweifel, Mahnungen und Bedenken von Ökonomen wurden dennoch abgetan.

Die griechische Integration in das europäische Staatenbündnis war hauptsächlich eine politisch motivierte Entscheidung. Die Tatsache, daß sich die wirtschaftliche Entwicklung des neuen Mitglieds, noch auf der Schwelle vom Entwicklungszum Industrieland befand, wurde wenig beachtet.