Der Junge heißt Colin, und er ist ganz besoffen von dem Gedanken an Jazz, an seine Jugend und an das Mädchen Crêpe Suzette, das er liebt. Londons Soho, das dieser Colin im furiosen Opening des Films „Absolute Beginners“ durchstreift, ist ein im Studio aufgebauter, in künstliches blaues, rotes und gelbes Licht getauchter Schauplatz, bevölkert von Taschendieben und Prostituierten, Vespa-Kids und bärtigen Existentialisten, Polizisten und Homosexuellen.

Der kriegsversehrte Bettler an der Ecke ist natürlich nicht blind, alles fake, und falsch sind auch die Silicon-Brüste der großen dicken Lesbe in der aufreizenden Leopardenhose. Nichts ist wirklich real in dieser Pappmache-Welt. Eine Messerstecherei ist hier nur ein getanztes Ritual, genauso stilisiert wie eine Liebesszene oder ein Streit – „Absolute Beginners“ grüßt die „West Side Story“.

Hier fühlt sich Colin wohl: In dieser künstlich beleuchteten, künstlich gefährlichen, künstlich aufregenden Umgebung lassen sich die Träume von den Abenteuern des Jungseins gut träumen.

Probleme hat Colin auch, es sind die altbekannten Probleme mit den Eltern, mit der Freundin, mit sich selbst. Selbstverständlich kotzt Colin das Bürgertum an, dem er auf High-Society-Parties begegnet, und er engagiert sich für die diskriminierten Schwarzen und Inder. Und selbstverständlich pflegt Colin kitzelige Kontakte zum harmloseren Teil der Unterwelt, den Taschendieben und Nutten, denen er vor den Pforten der Jazz-Clubs von Soho begegnet.

Colin, dieser Held der fünfziger Jahre, ist die verspätete englische Ausgabe eines Beatniks.Er selbst nennt sich stolz „Teenager“, wie andere sich Adelstitel zusprechen. Er weiß um die Kraft der Jugend, und er sieht sie, als Neunzehnjähriger, in seinem letzten Teenager-Sommer entschwinden. Ein letztes Mal will er auf die Pauke hauen, und damit die Zuschauer mehr Spaß dabei haben, wird Colin schauspielerisch und musikalisch von Popstars der achtziger Jahre unterstützt: David Bowie, Sade Adu, Working Week, Style Council, Ray Davies. Das ist schon fast der ganze Film, eine Feier des goldenen Kalbs „Jugend“ – Lied und Tanz und Rhythmus, sexy und glamourös und seicht.

Colins Gang durch Soho in den Anfangssequenzen hat Julien Temple inszeniert wie eine fast ewig währende Kamerafahrt, begleitet von der mitreißend synkopischen Musik von Charles Mingus Das Tempo, das Temple dabei entwickelt, kennt man aus Werbespots. Und man kennt es vor allen aus den Pop-Videoclips, die, mit großem Aufwand gedreht, in drei bis fünf Minuten manchmal komplexere Geschichten erzählen als ausgewachsene Spielfilme.

Julien Temple ist einer der zur Zeit bekanntesten und renommiertesten Videoclip-Macher. Er arbeitet längst für alle Größen der Branche von Bowie bis Jagger. Und es ist keine Frage, daß er das, was er dort lernte, bei der Realisierung von „Absolute Beginners“ anzuwenden versucht Schließlich ist dieser britische Film, von den Amerikanern lediglich koproduziert, erklärtermaßen ein Musical.