Zug um Zug drängt der Kreml Staats- und Parteichef Babrak Karmal, der einer Lösung des Afghanistan-Problems im Wege steht, in die Ecke.

In den vergangenen Jahren hatte Karmal bei der Militärparade zum Jahrestag der kommunistischen Machtergreifung jeweils eine öffentliche Ansprache gehalten. Zu seinen Ehren waren stets 21 Schüsse Salut abgefeuert worden. Diesmal erwähnte Radio Kabul zwar den Salut, jedoch nicht, wem er galt. Auch in den sowjetischen Berichten über die afghanischen Feiern tauchte der Name Karmals nicht auf.

Statt dessen rügte die Prawda die Führung in Kabul und ihre Unfähigkeit, Rückhalt in der Bevölkerung zu gewinnen. Im Parteiorgan hieß es: „Unzufriedenheit mit den bisherigen Bemühungen, scharfe Kritik an den Unzulänglichkeiten, die den revolutionären Prozeß behindert haben, konnte aus den Beschlüssen des Revolutionsrates vom vergangenen Herbst abgelesen werden, unter anderem die Notwendigkeit, die gesellschaftliche Basis der Revolution zu verbreitern.“

Um einen Ausweg aus dem fatalen und verlustreichen Afghanistan-Abenteuer zu finden, hatten die Sowjets im vergangenen Herbst eine Art Volksfront proklamiert, die der Ein-Parteien-Herrschaft in Kabul einen demokratischen Anstrich geben soll. Der „positive Dialog“, so die Prawda Ende 1985, müsse auch die Geistlichkeit, die Stämme, die nationale Bourgeoisie und sogar das private Unternehmertum mit einbeziehen.

Während des sowjetischen Parteitags durfte der 57jährige Karmal Anfang März die Politik des „positiven Dialogs“ noch einmal vor der internationalen Presse erläutern: im maßgeschneiderten Anzug, aber mit marionettenhaften Bewegungen und maskenhafter Starre. Neben Karmal saß mit glattem baby-face einer der von Moskau bevorzugten neuen Männer, der 39jährige Sicherheitschef Nadschibullah. Den anderen Favoriten stellte der Kreml in der vorigen Woche bei dessen Moskau-Besuch ungewöhnlich heraus: Es ist der 50jährige Ministerpräsident Sultan Ali Kischtmand. Dagegen blieb unerwähnt und ungewiß, ob sich der kränkelnde Karmal, der Ende März erneut in die Sowjetunion gereist war, noch immer dort befindet und möglicherweise ärztliche Behandlung erhält.

Die Sowjets haben bereits vor einiger Zeit dem UN-Sonderbeauftragten Diego Cordovez zu verstehen gegeben, daß sie innerhalb von zwölf Monaten zu einem Abzug ihrer Truppen bereit seien. Voraussetzung dafür wäre allerdings ein Friedensabkommen, das zur sofortigen Einstellung der ausländischen Hilfe für die Widerstandsgruppen führen müßte.

Als echte Garanten eines solchen Abkommens und seiner Einzelheiten – Truppenabzug, Einstellung der ausländischen Unterstützung, Rückkehr der Flüchtlinge und Ersetzung Karmals – könnten allerdings nur die beiden Supermächte fungieren. Und deren große Verständigung über regionale Konflikte ist durch Washingtons neue Globalpolitik unter der ideologischen Flagge der Terrorismus-Bekämpfung vorerst wieder in weite Fernen gerückt. C. S-H.