ARD, Sonnabend, 26. April: „Erdbeben“, Spielfilm von Mark Robson; „Psycho“, Spielfilm von Alfred Hitchcock; „Drunter und drüber“, Dessous aus Paris, Autor und Regie: André Halimi

Auf dem Paillettenkostüm der Ansagerin reflektierte das Scheinwerferlicht. Wie wandernde Warzen zogen Lichtpunkte um ihr Lächeln. Ihre Augen sprühten, Wunderkerzen gleich. Es war Samstagabend, das Wochenende, an dem „Kuli“ 65 wurde. Mit ihm sollten auch wir uns von der süßen Last der Quizspiele erholen dürfen: Spielfilme im Ersten.

Kurz nach 22 Uhr wurden Charlton Heston und Ava Gardner von reißenden Wassern in die Kanalisation von Los Angeles gerissen: ein Katastrophenfilm von 1974. Ganz L. A. versank bei einem „Erdbeben“ rumpelnd in Erdspalten. Die Hochhausruinen leuchteten wie Fackeln. Immerhin, ein aufrechter Cop hat überlebt. Die Suspense-Tricks des Films funktionierten manchmal. Der Schrecken der Katastrophe aber blieb aus. Das mag sich daraus erklären, daß die wirklichen Katastrophen zur Zeit weniger von der Natur als von Politikern zu erwarten sind. Am Samstagnachmittag zeigte das ZDF einen Film von 1947: Helmut Käutners „In jenen Tagen“, Episoden aus dem Zweiten Weltkrieg. Flugzeuge greifen an, lassen Bomben fallen. Wir blicken auf eine Trümmerlandschaft: Trotz seiner Sentimentalität haben wir in Käutners Film den aktuelleren Katastrophenfilm erkannt.

Nach dem Untergang von Los Angeles folgten zwanzig Minuten für den Bierholer. Nach dem „Wort zum Sonntag“ erwarteten wir den unsanften Tod der Sekretärin Marion Crance unter der Dusche eines Motels, anschließend das Ende des Detektivs Abogast, ebenfalls unter der Einwirkung mehrerer Messerstiche. Schon beim Bierbesorgen sahen wir das Blut der Sekretärin in den Badewannenabfluß rinnen und Abogast rückwärts die Treppe hinuntertaumeln. Schließlich haben wir Hitchcocks „Psycho“ mindestens schon fünfmal gesehen. Gegen Ende dann zur eigenen Überraschung: Gänsehaut. Die Schwester der Ermordeten durchsucht das Alptraumhaus des Mörders und Motelbesitzers Norman Bates. Die schlanke, dunkle Gestalt Anthony Perkins’ erscheint in der Haustür. Leila flüchtet in den Keller, findet die ausgestopfte Mutter des Mörders auf einem Drehstuhl. Bates kommt in Frauenkleidern, das Schlachtermesser hoch über dem Kopf... Selten erschrickt man fünfmal in derselben Situation. Bei „Psycho“ ist das anders.

Norman Bates’ Morde werden aufgeklärt. Das „Erdbeben“ überlebt ein engagierter Polizist. Dieser Samstagabend bestätigte, daß Aufklärung in Zeiten wie diesen vor allem ein Begriff der Kriminalstatistik geworden ist. Auch mit Sexualität hat er nichts mehr zu tun.

In ihrem funkelnden Paillettendress erscheint abermals die Ansagerin. Glitzernd gesteht sie die eigentliche Angstpartie dieses Samstagabends. Bewußt zu später Stunde, läßt sie wissen, zeige man einen Film über die Geschichte der Damenunterbekleidung: „Drunter und drüber. Damen und Dessous aus Paris“, möglicherweise ein Geschenk an unser Geburtstagskind Hans-Joachim Kulenkampff, einen Meister des Herrenwitzes. Und schon zeigen die Damen ihre Haut. Das schien bedrohlicher zu sein als „Erdbeben“ und „Psycho“. Dabei kann es doch für den, dem das gefällt, nichts Schöneres geben. Krimifreunde verweisen wir inzwischen an den „Länderspiegel“.

Helmut Schödel