Von Erika Martens

Ernst Breit, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) kann zum Tag der Arbeit eine stolze Bilanz ziehen: „Die Mitgliederzahlen wachsen, Arbeitszeitverkürzungen wurden durchgesetzt, die Gegenwehr gegen Bonner Zumutungen hat eindrucksvolle Formen angenommen, die Einheit im DGB war selten gefestigter – die deutsche Gewerkschaftsbewegung steht gut da.“

Auf den ersten Blick scheint der DGB-Chef recht zu haben. So seltsam es auch klingen mag, der Streit um den sogenannten Streikparagraphen 116, die Auseinandersetzung um die Novelle des Betriebsverfassungsgesetzes, der Kampf gegen den Sozialabbau und der Konflikt um die 35-Stunden-Woche haben den Gewerkschaften neuen Auftrieb gegeben. Zwar war der Widerstand gegen Bundesregierung und Arbeitgeber längst nicht immer erfolgreich. Doch die wiedererwachte Kampfbereitschaft der Führungsspitzen mobilisierte die Arbeitnehmerschaft stärker, als es selbst erfahrene Funktionäre für möglich gehalten hatten.

So gesehen haben die Arbeitnehmerorganisationen allen Grund, Helmut Kohl und seiner Mannschaft dankbar zu sein. Denn ihre Politik der Konfrontation mit den Gewerkschaften hat die schläfrigen Riesen zu neuem Leben erweckt. Der Erfolg ist meßbar: Trotz der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit und trotz der peinlichen Probleme mit dem gewerkschaftseigenen Baukonzern Neue Heimat meldet der DGB für 1985 erstmals seit vier Jahren wieder einen Mitgliederzuwachs (siehe Kasten). Nach den bisher unveröffentlichten Zahlen konnte vor allem die IG Metall sich wieder über Zulauf freuen, jene Gewerkschaft, die zusammen mit der IG Druck und Papier Vorreiter beim wochenlangen Kampf um die 35-Stunden-Woche war, und die überdies im Zentrum der Auseinandersetzung um den Paragraphen 116 steht.

Doch schon gibt es Stimmen, die vor allzu großer Euphorie warnen. Der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf, einer der wenigen Kenner der Gewerkschaftsszene in der Union, glaubt, daß die Resolidarisierung, die den Gewerkschaften durch die Politik der Bundesregierung in den Schoß gefallen ist, „schon wieder zerbröselt“. Und auch Günter Döding, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten, weist in einem Buch über „Die neuen Aufgaben der Gewerkschaften“ darauf hin, daß die Mitglieder zu einer permanenten Mobilisierung nicht bereit seien. „Sie erwarten konfliktlösende Ergebnisse – nicht so sehr eine ,andere‘, sondern eine ‚bessere‘ Gesellschaft“, lautet das Fazit Dödings.

Konfliktlösende Ergebnisse aber sind derzeit nicht in Sicht. Vielmehr scheinen die Gewerkschaften schlicht Nutznießer der allgemeinen Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft und der konservativen Politik von Christdemokraten und Liberalen zu sein, die ihren Organisationen offenbar bisher keinen Schaden, sondern im Gegenteil wachsendes Ansehen in den eigenen Reihen und eine neue Geschlossenheit verschafft hat. Wird es ihnen gelingen, die Sammlungsbewegung im Widerstand gegen eine streitbare Regierung und eine unnachgiebige Unternehmerschaft zu nutzen?

Heinz Oskar Vetter, der dreizehn Jahre lang an der Spitze des DGB stand, faßte seine Erfahrungen einmal in dem Satz zusammen: „Opas Gewerkschaft stirbt alle zehn Jahre.“ Erst in einigen Jahren wird man sagen können, ob die Arbeitnehmerbewegung wirklich mit dem Streik um die 35-Stunden-Woche vor knapp zwei Jahren zu neuem Leben erwacht ist. Metaller sind davon jedenfalls überzeugt.