Von Albrecht Schöne

Geboren am 2. Mai 1886 – er wäre ein Hundertjähriger jetzt. Aber siebzigjährig ist er gestorben, und die Toten altern nicht mehr. Nur was sie hinterlassen haben, bleibt der Zeit unterworfen. Als Gottfried Benn über das „Altern als Problem für Künstler“ sprach, sagte er am Ende, „auf alle Kirchenväter, die Vielhundertjährigen“ sich berufend: „non confundar in aeternum – auch ich werde nicht in Ewigkeit verworfen werden“, und meinte dabei die „hinterlassungsfähigen Gebilde“, seine Verse. Lassen wir es so gelten?

In seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ hat er den Marburger Studenten erzählt, wie es ihm mit seinen ersten Versuchen ergangen war. Als er selbst noch in Marburg studierte („Damals war Liliencron mein Gott, ich schrieb ihm eine Ansichtskarte“), hatte er Gedichte an eine Berliner Zeitschrift geschickt, die solche Zusendungen unter Chiffre rezensierte. Bekam darauf zu lesen: „G. B. – freundlich in der Gesinnung, schwach im Ausdruck. Senden Sie gelegentlich wieder ein.“ 1904 war das. Da wurde es ihm ausgetrieben ein für allemal: Niemals wieder hat jemand seine Verse, seine Prosaschriften als „freundlich in der Gesinnung“ verstanden.

Aber er sendete gelegentlich wieder ein. 1912 an den Expressionisten-Verleger Alfred Richard Meyer in Wilmersdorf, den das Manuskript „mißmutig machte und schon zu hastigerem Weiterblättern und Zuklappen veranlassen wollte“, bis er zu einem angehängten Zyklus kam „und – aufschrie“. Wenige Tage später waren diese neun Gedichte gedruckt. Ein Heft von 14 Seiten, in einer Auflage von 505 Exemplaren (Antiquariatspreis 1986: 1200 DM). „Bilder von einer Scheußlichkeit ohnegleichen aus der Morgue, den Entbindungsanstalten, Schilderungen von Krebsbaracken und Blinddarmoperationen, von denen auch nur Zeilen zu zitieren unmöglich ist“, schrieb einer der Kritiker. Da war von den stinkenden Betten die Decke genommen worden, die die „zerfallende Brust“, den „Klumpen Fett und faule Säfte“, den „verkrebsten Schoß“ verhüllte.

Man läßt sie schlafen. Tag und Nacht. – Den Neuen/sagt man: Hier schläft man sich gesund. – Nur Sonntags/für den Besuch läßt man sie etwas wacher.

Nahrung wird wenig noch verzehrt. Die Rücken/sind wund. Du siehst die Fliegen. Manchmal/wäscht sie die Schwester. Wie man Bänke wäscht.

Längst liest man die lyrischen Krankenblätter und Obduktionsberichte, in die dieser junge Arzt damals eintrug, was er in den Spitälern, im Kreißsaal, im Sektionskurs angesehen hat, anders als ein schockierter Kritiker von 1912: vernimmt den Schrei des Entsetzens vor dem Elend der Kreatur, den Benn im schnoddrigen Medizinerjargon und kaltschnäuzigen Zynismus seiner makabren Totentanzreportagen erstickt –