Über „Das Gesamtwerk“ Friedo Lampes

Von Cornelia Plattner

Keine Exilliteratur, keine Kriegs- oder frühe Nachkriegsliteratur, sondern das Drama einmal aus der Perspektive derer, die in Deutschland zurückgeblieben waren. Friedo Lampe, 1899 in einer Bremer Kaufmannsfamilie geboren und umgekommen während der letzten Kriegstage 1945 in Berlin, steht als Beispiel für eine Generation, deren Lebensweg und künstlerische Entwicklung im Strudel des sich anbahnenden Desasters gehemmt wurde oder darin unterginge.

Friedo Lampe war eine etwas schrullige, dafür um so liebenswertere Erscheinung im hektischen Literaturbetrieb der Weimarer Republik und gehörte zu derjenigen Gruppe von literarisch gebildeten Feingeistern, die über ihre Bildung hinaus schriftstellerische Ambitionen haben. Zunächst erscheint sein früh geäußerter Entschluß, Schriftsteller zu werden, als Ausbruchsversuch aus einer scheinbar vorgezeichneten bürgerlichen Laufbahn. Der ganz große Absprung wird es nicht, aus Kompromißbereitschaft studiert Lampe Literaturwissenschaft. Die Welt erscheint ihm als „Chaos“, und während seines kurzen Lebens wird er immer, zwischen Weltflucht und Engagement schwankend, auf der Suche nach der Idylle sein. Münchens universitärer Großbetrieb stößt ihn ab. Dagegen entspricht die enge Studierstubengemütlichkeit der Heidelberger Verhältnisse schon eher seinem Geschmack. Ordentlich wie er ist, schließt er mit der Promotion ab.

Drei Jahre später, 1931, stellt er seine erste Erzählung vor: „Am dunklen Fluß“ – aber nur in einem Privatdruck. Das ist schade, denn eine öffentliche Reaktion zu diesem Zeitpunkt hätte vielleicht den talentierten Erzähler stärker aus seiner Reserve locken können. Lampe versammelt hier bereits das Instrumentarium, aus dem sich seine Werke zusammensetzen. Die Schärfe des Dialogs wird allerdings in dieser Deutlichkeit später nicht mehr erreicht. Hier findet noch eine offene Auseinandersetzung zwischen den Protagonisten, den Brüdern Karl und Georg statt, bei der es um Leben oder Tod geht, selbst wenn sich das Ungeheure – scheinbar folgenlos – in einem kleinen, verstaubten Wohnzimmer abspielt. In der Folgezeit werden bei Lampe die Auseinandersetzungen immer kürzer, man ergeht sich in Andeutungen, winkt beschwichtigend ab oder läßt, wenn es besonders unangenehm wird, andere für sich sprechen. Was zwischen den Figuren selbst steht, wird in eine spannungsgeladene Atmosphäre nach außen verlagert, um sich schließlich in einem magischen Realismus zu verselbständigen, der seine eigenen Gesetzlichkeiten entwickelt: Die Menschen, Erwachsene wie Kinder, werden zum Spielball von Naturgewalten.

Sonderbare Mischung

Nach kurzem Aufenthalt in Stettin zieht Lampe 1932 nach Hamburg, wo er als Volksbibliothekar und Herausgeber arbeitet. Im Oktober 1933 erscheint bei Rowohlt sein erster Roman, „Am Rande der Nacht“ – der prompt konfisziert wird. Ein ungeheurer Schlag für einen jungen Autor, der sich endlich am Anfang einer, wenn vielleicht auch bescheidenen, Karriere als Romanschriftsteller glaubte, der endlich den eigenen Ansprüchen genügte und aus seinem Schneckenhaus den Schritt auf den Literaturmarkt gewagt hatte.