Wer sagt denn, Wirtschaft sei eine trockene, schwer verständliche Materie? Woche für Woche beweisen unsere Abgeordneten das Gegenteil. Sie erfinden farbige Bilder, formulieren unzweideutige Vergleiche, reden dem Volk nach dem Maul – und das alles zu so spröden Themen wie Konjunktur und Arbeitslosigkeit.

Da ist zum Beispiel der CSU-Abgeordnete Lorenz Niegel. Er knöpft sich mit Wonne die Sozis vor und würde wohl am liebsten jeden einzeln als roten Gottseibeiuns traktieren. Da kam ihm der SPD-Professor Friedhelm Farthmann und sein Wirtschaftsprogramm gerade recht für die Demonstration, daß „Dirigismus und Planwirtschaft... aus der SPD nicht löschbar“ sind. Mit einem einzigen Satz verschaffte der Mann aus Kulmbach seinen Parlamentskollegen den großen Durchblick: „Die Thesen von mehr Gerechtigkeit und mehr sozialem Denken in Wirtschaft und Gesellschaft sind ja nur die Bikinis und Feigenblätter für die rot-grüne Planung, die Marktwirtschaft auszuhöhlen. Damit soll der totale Wirtschaftsstaat, der seelenlose Planungsstaat als Heilslehre angeboten und eingeführt werden.“

Klarer geht’s nun wirklich nicht. Und gegen so viel bajuwarische Wortgewalt muß sich Wirtschaftsminister Martin Bangemann ganz schön ins Zeug legen. Doch auch der Wahlschwabe versteht anschaulich zu formulieren, wie sein Lobpreis der Marktwirtschaft belegt: „Ich behaupte gar nicht, daß am Markt stets ‚das Gute‘ siegt. Aber die Chance ... zu verhindern, daß der größte Lump obenauf bleibt, können wir doch nach aller Erfahrung recht hoch einschätzen.“

Der Markt als moralische Anstalt – ganz so abseitig muß die Charakterisierung gar nicht sein. Sogar bei SPD-Linksaußen Farthmann wittert Sozialistenfresser Lorenz Niegel religiöse Hintergründe. Er wittert in ihm jedenfalls einen „modernen Marx, getauft und gehalten vom SPD-Kanzlerkandidaten Johannes dem Täuscher“.

Natürlich sitzen auch auf sozialdemokratischen Bänken Leute, die im rechten Moment die Waffe des Wortes einzusetzen wissen. „Kopf-ab-Niegel“ polterte etwa SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel, aus dem Munde eines Oberlehrers sicher kein zufälliges Urteil. „Die Superreform des Herrn Stoltenberg ist für die Mehrheit der Bürger ein Superschwindel“, befand glasklar der SPD-Steuerexperte Dieter Spöri, der einen solchen Satz sicherlich auch nicht nur so daher sagt. An Einfallsreichtum mangelt es auch Egon Lutz (SPD), von Haus aus Zeitungsredakteur, nicht. Mit anschaulicher Klarheit inischrieb er die Rolle von Arbeitsminister Norbert Blüm: „Herr Blüm, Sie gleichen einem Wunderdoktor, der am Bett des Patienten Arbeitsmarkt steht und diagnostiziert, der Patient wackle schon wieder mit den Ohren, deshalb könne man die Schwindsucht, die er auch noch habe, eigentlich vernachlässigen.“

Lutz scheute auch nicht einen Blick auf das in Bonn bisher unbescholtene Privatleben des Ministers: „Herr Blüm, die Wahrheit gehört nicht zu Ihren Dauerfreundinnen.“ Die Identität der letzteren blieb dann leider das Geheimnis des Journalisten Lutz.

Bei derart tiefgründigen Erörterungen fehlt denn auch nie der Beitrag des Berliner CDU-Mannes Jochen Feilcke, von der ZEIT zum Zwischenrufer des Jahres 1985 ernannt: „Herr Lutz, Sie fahren eine intellektuelle Nullrunde!“ Deutlicher noch: „Sie glauben noch nicht einmal selbst, was Sie sagen. Er grinst bei seinen Frechheiten!“ Dem Fraktionskollegen Siegfried Hornung schwante noch Schlimmeres: „Herr Lutz, das ist die Blutspur, die Sie legen!“ Ob Lutz den Dauerfreundinnen Blüms Gewalt angetan hat?