Die mangelhaften Kenntnisse der allermeisten Bundesdeutschen vom Leben in der DDR werden üblicherweise mit mangelhaften Informationsmöglichkeiten begründet. Die Erklärung ist falsch, schon seit längerem. An Schilderungen und Analysen der DDR-Wirklichkeit herrscht im deutschen Westen mittlerweile eher Überfluß. So dürfte es, wenn die eingangs beschriebene Ignoranz fortdauert, wohl eher am Gemütszustand dieser Ignoranten liegen. – Einen sinnfälligen Beweis dafür liefert

Wolfgang Geister: Sieben Tage DDR. Eine Klassenfahrt; Luchterhand Verlag, Darmstadt 1985; 157 S., 9,80 DM.

Das Buch widmet sich einem Vorgang, der inzwischen ein staatlich dirigiertes und auch alimentiertes Massenphänomen geworden ist: 40 000 Jugendliche, so wird mitgeteilt, unter anderem, reisten allein während des Jahres 1984 in die DDR. Aus dem Ostberliner Stadtbild sind solche Besucher kaum noch fortzudenken, Grüpplein von buntgewandeten Halberwachsenen vorm Bahnhof Friedrichstraße, sich gerierend in allen Haltungen zwischen greller Großmäuligkeit und krampfigem Gezappel, Objekte von hastiger Einweisung aus dem Geiste der Grundgesetzpräambel, jener mit dem Wiedervereinigungsgebot. Der Einfall lag nahe, eine derartige Reise von Beginn bis Ende literarisch festzuhalten. Verfasser Geisler ist Lehrer in Heppenheim an der Bergstraße. Sein Buch will einen einwöchigen Klassenausflug dokumentieren.

Das Buch, dies mein Eindruck, lebt nicht über seine Verhältnisse, doch die Verhältnisse, die sind nicht so ideal. Damit werden zum wenigsten die Zustände in der DDR gemeint. Die haben sich jedenfalls insofern gewandelt, als man dergleichen Besuchern nicht mehr mit eisiger Indolenz begegnet. Vielmehr stellt man, wenn das gewünscht wird, reichlich Gesprächspartner, auch gleichaltrige, und deren Äußerungen und Repliken sind nun gewiß nicht von der Art, wie sie noch vor zwanzig Jahren gewesen sind und wie ein Teil der Presse, jene mit den Gänsefüßchen, behauptet, daß sie es bis heute seien.

Die DDR sei anders, so das Resultat der Klassenausflügler. Anders als die Bundesrepublik, natürlich, aber eben auch anders als die in der Bundesrepublik obwaltenden Vorstellungen. So viel, so richtig. Wenn Autor Geisler sich darum bemüht, die allmähliche Verfertigung solchen Urteils bei seinen Schülern nachzuzeichnen, bleibt er interessant. Bei den schon erwähnten Gesprächen, die er in Auszügen wiedergibt; bei den Reaktionen seiner Schüler auf bestimmte Eindrücke in der ihnen fremden deutschen Wirklichkeit. Etwa während eines Besuches im ehemaligen KZ Buchenwaid, wo sich zeigt, daß die jungen Leute, die sich durchs ehemalige Lagergelände bewegen, für die dort nacherlebbare deutsche Geschichte so sensibel sind, wie es sich ihr Bundeskanzler nur in Ausnahmefällen gestattet.

Man hätte von diesen Jugendlichen gern mehr erfahren, von ihrer Herkunft, ihren sonstigen Interessen und Vorstellungen, aber sie bleiben allesamt gesichtslose Vornamensträger, denen dann und wann ein Sprüchlein vom Munde gepflückt wird. Die einzige Figur, die in diesem Bericht Profil gewinnt, ist jene des Verfassers. Mehr als die Hälfte der Seiten handelt ausschließlich von ihm. Das wäre nun noch nicht schlimm. Ein vierzigjähriger Pädagoge aus Hessen erlebt die DDR. Aus allerlei Andeutungen geht hervor, daß er nicht zum erstenmal dort ist und daß ihn das Land interessiert. Was die Sache verdirbt, ist eine zuweilen peinigende Sprachnot, zumal bei der Schilderung diffiziler Gegebenheiten. Mich schauderte bei der Vorstellung, der Mann könne möglicherweise im Fache Deutsch unterrichten.

Erschwerend tritt hinzu, daß es bei den persönlichen Eindrücken nicht bleibt, sondern, nach guter Pädagogenart, Angelesenes weitergereicht wird zum Zwecke der Belehrung. Über Weimar und Dresden sind Dinge zu erfahren, die jeder Reiseführer ebenso oder besser liefert, und das verharrt nicht bei der Kulturhistorie.