Die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit sind erkaltet

Von Norbert Blum

Hunde, die bellen, beißen nicht. Wenn der Volksmund recht hat, müßte der DGB zahnlos geworden sein. Das Gebell um die Neuordnung des Paragraphen 116 des Arbeitsförderungsgesetzes stand in keinem Verhältnis zum Anlaß. Der gewerkschaftliche Krieg mit Worten war Substitut einer Sprachlosigkeit, die Verlegenheit ausdrückt. Denn die Gewerkschaften haben auf die neuen Fragen und Herausforderungen nur die alten Antworten. Wo die Gemeinsamkeit im positiven Ziel schwindet, wird die Gemeinsamkeit in der Ablehnung gesucht.

Die Gewerkschaften sind groß geworden als kollektive Kampfgemeinschaften. Geeint im Ziel, geeint im Vorgehen. Das entsprach den Strukturen der frühen Industriegesellschaft. Die Arbeiterschaft brauchte bessere Arbeitsbedingungen, und die Arbeitgeber wollten sich Schmutzkonkurrenz vom Leibe halten. Das schweißte zusammen zur Klassensolidarität.

Die Arbeitnehmer unserer Tage sind nicht mehr das klassische Proletariat. Hilfskräfte und Ingenieure, Büroboten und Geschäftsführer, Facharbeiter und Beamte – sie alle wollen durch die Gewerkschaften vertreten sein. Und die Arbeitgeberverbände umfassen Handwerksbetriebe ebenso wie Großkonzerne. Da gibt es keine Einheitsbedürfnisse.

Die Mitglieder suchen in ihren Organisationen niemanden, der für sie denkt und handelt; sie erwarten statt des Vormunds tarifpolitische Dienstleistungen. Arbeitnehmer wollen ihre persönlichen Interessen in gewerkschaftlichem Handeln wiederfinden, Arbeitgeber ihre betrieblichen Anliegen von den Verbänden formuliert sehen. Die Mitglieder wollen die Früchte des tarifpolitischen Handelns selbst ernten.

Anspruch und Wirklichkeit geraten in Konflikt. Für viele Tarifpolitiker ist Handlungsmaßstab nicht nur das Interesse der Betroffenen, sondern auch das Interesse der Organisation. Und je weiter beides auseinanderklafft, desto heftiger wird ihre Identität beschworen. Damit stellen sich demokratische Strukturen auf den Kopf: Der Lobbyist verselbständigt sich und verwechselt häufig dabei eigene Interessen mit dem Gemeinwohl.