Von Rolf Zundel

Helmut Kohl hat gegenwärtig nicht gerade Hochkonjunktur. Nicht nur wegen der Ermittlungsverfahren, die gegen ihn eingeleitet worden sind. Nicht nur, weil viele seiner Parteifreunde der Meinung sind, er sei sowohl bei der Behandlung des sogenannten Streikparagraphen als auch beim SDI-Abkommen in unnötige Auseinandersetzungen hineingeschlittert, deren mäßiges Ergebnis den monatelangen Streit und die schädlichen Folgen nicht aufwiegen.

Das alles ist zwar richtig, aber erklärt noch nicht alles. Das alles kann sich auch ändern. Wenn die Ermittlungsverfahren eingestellt werden, wird der Kanzler unter Berufung auf dieselbe Justiz, der die Union jetzt ein politisches Komplott unterstellt, sich als weißer Riese präsentieren, gereinigt von allem Verdacht. Und der Streit um SDI wie um den Paragraphen 116 wird, nachdem nun die Entscheidung gefallen ist, nicht mehr im gleichen Maße wie bisher die Koalition heimsuchen. So aussichtslos also ist die Situation gar nicht für den Kanzler, schon gar nicht, wenn man berücksichtigt, daß die meisten ökonomischen Daten, mit Ausnahme der Arbeitslosigkeit, so gut sind wie lange nicht mehr.

Und trotzdem, die Atmosphäre einer gewissen Verdrießlichkeit, die den Kanzler umgibt, wird sich so schnell nicht zerstreuen lassen. Johannes Gross notierte kürzlich, dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt werde nachgerühmt, daß er zwar die objektive Lage des amerikanischen Volkes nicht schnell und energisch bessern konnte, wohl aber die subjektive. Er habe dauerhafte Sympathie gefunden, „weil er in intelligentem Englisch ein besseres Amerika für eine bessere Welt mobilisierte“. Kohl, so bemerkt Gross süffisant, „ist ein umgekehrter Roosevelt. Die Lage hat sich objektiv gebessert, aber er wird als Urheber nicht honoriert“. Tatsächlich klagen Wahlkampfplaner der Union, Kohl sei als Transporteur der Leistungen nicht sehr wirkungsvoll, und noch schwieriger sei es, den Kanzler mit Zukunftsperspektiven zu verbinden.

Hier geht es nicht um die Intelligenz des Kanzlers; sie ist um einiges höher als die Gebildeten unter seinen Verächtern vermuten. Es ist auch nicht so sehr eine Frage seiner politischen Professionalität; sie ist zwar persönlich eingefärbt, aber mit der vieler als erfolgreich geltenden Regierungschefs durchaus vergleichbar. Schon gar nicht kann es am fehlenden Machtinstinkt liegen; so betrachtet erweist sich Kohl tatsächlich als ein Enkel Adenauers. Es muß also noch etwas anderes sein, was Kohl in Schwierigkeiten bringt.

Um dies in den Blick zu bekommen, versuchen wir, uns dem Phänomen Kohl auf andere Weise zu nähern, auf einem Gedankengang, den ein Wirtschaftswissenschaftler, Guy Kirsch, und ein Finanzwissenschaftler, Klaus Mackscheidt, kürzlich in einem Büchlein entwickelt haben, das den Titel trägt: Staatsmann, Demagoge, Amtsinhaber. Diese beiden Herren versuchen etwas für ihre Zunft Ungewöhnliches: eine psychologische Ergänzung der Politiktheorie.

Ihr Ausgangspunkt ist die Kritik am ökonomischen Modell der Politik, das die Auseinandersetzung um knappe Güter beschreibt und rationale Entscheidungen der Wähler voraussetzt. Dieses Modell vereinfacht schon den ökonomischen Prozeß auf fragwürdige Weise, die Politik verfälscht es. Schon Schumpeter, von dem die in der Bundesrepublik bekannteste Darstellung des politischen Wettbewerbs stammt, sieht sich gezwungen, dieses Modell mit theoriefremden Überlegungen zu ergänzen, zum Beispiel eine sich selbst rekrutierende’ Elite, die sich strengen Normen unterwirft.