Münster

Ein handfester Krach gefährdet seit nunmehr zwei Jahren Lehre und Forschung am Institut für Publizistik (IfP) in Münster. Die jüngste Spitze der Auseinandersetzungen: Mit einer schweren Stahlkette und einem Fahrradschloß befestigte Klaus Merten, Professor für empirische Kommunikationsforschung, seine Schreibmaschine an einem Heizkörper. Merten befürchtete, daß der Institutsdirektor Winfried Lerg sie ihm zum zweitenmal wegnehmen würde. Tags zuvor hatte Lerg die Sekretärin samt Schreibmaschine aus Mertens Vorzimmer in die „Zeitungsausschnitt-Sammlung“ des Instituts versetzt. „Keine weiteren Schreibarbeiten für Professor Merten“, hatte die Dienstanweisung des Direktors gelautet.

Ähnliche Erfahrungen machte Siegfried Weischenberg, Professor für Journalistik am IfP. Während er 1984 für vier Monate in den Vereinigten Staaten dozierte, löste Direktor Lerg das Sekretariat seines Kollegen auf, versetzte die Sekretärin ins eigene Vorzimmer und ließ die Verträge von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern auslaufen. „Der Arbeitsbereich Journalistik war demontiert“, mußte Weischenberg nach seiner Rückkehr feststellen. „Nichts ging mehr.“

Es kam zu einer Reihe von Arbeitsgerichtsverfahren gegen die Universität. Alle Maßnahmen des Institutsdirektors gegenüber Hilfskräften wurden revidiert. Die Beteiligten sahen sich häufiger vor Gericht als im Institut. Die Briefwechsel zwischen den Professoren, dem Institutsdirektor und der Universitätsverwaltung füllen inzwischen mehrere Aktenordner.

Was auf den ersten Blick nach einer Provinzposse oder einem Streit zwischen egozentrischen Wissenschaftlern aussieht, hat ernste und rechtlich schwer faßbare Hintergründe, die auch andere Universitäten in Nordrhein-Westfalen betreffen. Es geht um den Streit, ob die wissenschaftlichen Institute von einem einzigen Direktor mit „allmächtigen“ Befugnissen oder von einem gewählten kollegialen Gremium verwaltet werden sollen. Das Wissenschaftsministerium in Düsseldorf hat diese Frage bereits vor sieben Jahren in seinem Wissenschaftlichen Hochschulgesetz eindeutig entschieden. Die alte Direktorialverfassung sollte abgelöst und gewählte Institutsvorstände sollten eingesetzt werden. Viele Direktoren und Universitätsverwaltungen haben die Reform bislang aber mit Erfolg unterlaufen.

Am Institut für Publizistik in Münster gilt de facto deshalb noch immer das Recht aus dem Gründungsjahr 1936. Damals wir das Institut neu eingerichtet und direkt dem Reichswissenschaftsministerium in Berlin unterstellt worden. Damit galten – so ist einem Aufsatz zur „verfassungsrechtlichen Entwicklung“ in der Festschrift zum 200jährigen Bestehen der Universität Münster 1980 zu entnehmen – die nationalsozialistischen „Richtlinien zur Vereinheitlichung der Hochschulverwaltung“, die das Hochschulwesen „grundlegend umgestalteten, indem sie die Körperschaftsautonomie beseitigten und das Führerprinzip einführten“. Der Aufbau „zentralistischer und monokratischer Verwaltungsstrukturen mit durchgehenden Weisungssträngen“ hatte zur Folge, daß die Institutsleitung per „Handlungsermächtigung“ nach Belieben schalten und walten konnte. Obwohl inzwischen 50 Jahre verstrichen sind und die Institute heute direkt den Ländern unterstehen, wird auch im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen weiterhin nach „altem Recht“ verwaltet.

Eine zwölfseitige Beschwerdeschrift der Professoren Merten und Weischenberg gegen die „unzulässige Geschäftsführung“ ihres Direktors Lerg beschäftigt nun die Anwälte und Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsministerin Anke Brunn. Von Machtmißbrauch, Willkür und miserabler Haushaltsführung ist darin die Rede. Professor Weischenberg beschreibt die Zustände am IfP Münster schlicht als „Feudalismus“.