Fritz Kolbe, vergessen und verkannt: Ein Mensch, allein mit seinem Gewissen

Von Hansjakob Stehle

Nach neuen Dokumentenfunden enthüllen wir eine fast unglaubliche Geschichte aus dem Widerstand gegen Hitler. Die ZEIT hat auch Zeugen dazu befragt

Mitgearbeitet haben Robert A. Graham S. J. und Karl-Heinz Janßen

Wer Spion werden wollte, brauchte sich nicht lange umzusehen in diesem Bern des Jahres 1943. Geheimdienstagenten, ohnehin nie so geheimnisvoll und unsichtbar wie sie tun, aus aller Kriegsherren Länder tummelten sich in dem schweizerischen Bundeshauptstädtchen. Teils als Diplomaten, Journalisten oder Geschäftsleute recht und schlecht getarnt, teils auch mit sichtbarem Briefkasten – wie zum Beispiel ein 50jähriger Amerikaner: „Spezial-Assistent des amerikanischen Gesandten“ stand auf seinem Türschild in der Herrengasse Nr. 23.

Als „persönlicher Beauftragter des Präsidenten Roosevelt für europäische politische Fragen“ war der charmante, stets pfeifenrauchende New Yorker Advokat von der schweizerischen Presse bezeichnet worden, als er sich – anfangs mit nur zwei Mitarbeitern – im November 1942 in dem Patrizierhaus in der idyllischen Altstadt von Bern niederließ. Doch „man“ wußte bald, was er wirklich war: der Chef des amerikanischen Geheimdienstes OSS („Office of Strategie Services“) für Europa. Dieser Allen Welsh Dulles (1893-1969), der in den fünfziger Jahren, als sein Bruder John Foster Dulles Außenminister war, zum Leiter des gesamten US-Geheimdienstes (CIA) aufrückte, hatte am 24. August 1943 eine Begegnung, von der Fachleute dieses „Gewerbes“ sonst nur träumen:

Ein Deutscher, der behauptete, direkt aus Berlin, ja aus dem Auswärtigen Amt zu kommen, schüttelte aus seiner Aktentasche 186 photographierte Dokumente – viele mit dem Stempel „Geheime Reichssache“ – und versicherte, er sei bereit, künftig regelmäßig solche „Kollektionen“ zu liefern – und zwar gratis, um den einen Preis nur: die Genugtuung, etwas zur schnelleren Niederlage des verbrecherischen Hitler-Regimes beigetragen zu haben.