Von Hanno Kühnert

Festansprachen, Bankette, Medaillenverleihungen, allzuviel Selbstbeweihräucherung, Beifall selbst nach magersten Diskussionsbeiträgen und viel Selbstzufriedenheit verbargen auf einem zweitägigen internationalen Symposion in Heidelberg zum hundertjährigen Bestehen der Berner Konvention über das Welturheberrecht manchmal die massiven Gefahren, die dem geistigen Eigentum drohen. Das Jubelfest wurde von der internationalen Verleger-Union und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels veranstaltet, und so war es fast ein reines Verlegertreffen – mit Neigung zu weltumspannender Provinzialität.

Länder, in denen das Urheberrecht bereits relativ gut geschützt ist – wie die Schweiz –, waren nicht vertreten. Ebensowenig die Entwicklungsländer, die aus einsehbaren Gründen Sonderregelungen für Copyrights beanspruchen. Die internationalen Verbände machten einen schläfrigen Eindruck: Sie scheinen es, nach Klagen aus Portugal und Österreich, zu versäumen, die Urheberrechte, ihre Details und ihre Neuerungen nach Ländern aufzulisten und diese Informationen unter ihren Mitgliedern zu verbreiten.

Zahlreiche Diskussionsredner munterten die Verbände und sich selbst auf, die Lobby zu stärken, den Gesetzgebern endlich vernünftige Vorschläge zu machen, nicht nur zu klagen und die Autoren (die lediglich von einem älteren Herrn vertreten waren) als Bundesgenossen zu gewinnen. Angesichts des milliardenfachen Diebstahls von geistigem Eigentum und angesichts der merkwürdig sorglosen Neigung selbst von Regierungen, vor der Masse des Kopierens, vor der Vielfalt und Geschwindigkeit der Elektronik zu resignieren, wie das Frankreich anscheinend getan hat, mutet die Harmlosigkeit der Verleger wie eine Kapitulation vor geradezu sintflutartigen Verletzungen des Urheberrechts an.

Immerhin war auf dem Symposion durch das Chaos hindurch zu erkennen, daß kein Grund besteht, in Zufriedenheit über die ersten hundert Jahre der Berner Konvention (die Mindestgrundsätze für den Schutz des geistigen Eigentums aufstellte und mehrfach erneuerte) zu erstarren. Die nächsten 100 Jahre werden viel problematischer. Dabei wurde auf der Tagung deutlich, welch großen Anteil an den Volkswirtschaften die Umsätze aus dem Copyright haben. Für Schweden belaufen sich die Schätzungen auf etwa drei Prozent des jährlichen Bruttosozialprodukts. In Amerika betrug die Nachfrage nach Diensten der Copyright Industrien laut Henry Olsson, Direktor im schwedischen Justizministerium, im Jahr 1982 schon 141 Milliarden Dollar; der Anteil am Sozialprodukt betrug damit 4,6 Prozent. Wenn aber Ahnungs- und Gedankenlosigkeit oder unbekümmerter Raub dazu führen, daß die Autoren geistiger Leistungen leer ausgehen und die Verleger ihre Produktionskosten nicht mehr erwirtschaften, stirbt die Kreativität an schlichtem Geldmangel.

Zwei große Gefahren könnten das so leicht wie Luft verfügbare geistige Eigentum erdrücken: das Kopieren und der Computer. Immer schnellere, bessere und billigere Kopierautomaten werden in großer Zahl produziert und gekauft. Allein für die Bundesrepublik schätzt Wilhelm Nordemann, Urheberrechtler in Berlin, die Zahl der von gedruckten geschützten Vorlagen angefertigten Kopien auf jährlich fünf Milliarden Stück. Von ihnen wird nur ein kleiner Teil vergütet. Nordemann erwähnt als Beispiel für die Entwicklung die Praxis von Rechtsabteilungen der Betriebe und Behörden. Früher hätten sie von einer Fachzeitschrift oft 30 bis 40 Exemplare abonniert. Heute seien es drei: eine für die Bibliothek, eine zum Kopieren und eine als Ersatzstück. So gehen jährlich Tausende von Fachzeitschriften ein.

Bedauerlicherweise sind es häufig Akademiker, die dazu beitragen, weil sie am wilden Kopieren ihrer Arbeiten interessiert sind und vernachlässigen, daß sie ihre besten Quellen dadurch zerstören, die Fachzeitschriften. Erstaunlicherweise sind auch Universitäten bedeutende Verletzer des Urheberrechts, weil sie unvergütete reader herstellen. Die Verleger haben eine große amerikanische Universität und die Firma Texaco wegen unbefugten Kopierens verklagt, die Gebühren an das amerikanische Copyright Clearing Center (CCC) nachzuentrichten. In den Niederlanden läuft ebenfalls eine Verlegerklage gegen 13 Universitäten, die insgesamt 400 solcher Anthologien in Uni-Druckereien produzierten und sich jetzt weigern, zehn Cent pro Seite und Exemplar an Urheberrechtsgebühren zu zahlen.