Nationalsozialistische Architektur als Ausdruck der Gewalttätigkeit

Von Albert Speer

„Das Bauen im neuen Reich“-so lautete der Titel eines 1943 erschienenen Prachtbandes über die NS-Architektur, der–mitten im Krieg – Bilder einer heilen Bauwelt präsentierte: ein Dokument der, Verführung. 1978 sollte das Buch neu aufgelegt werden. Albert Speer, um ein Vorwort gebeten,

legte in einem privaten Brief seine gewandelte Einschätzung dieser Baugesinnung dar.

Vorab muß ich gestehen, daß es leichtsinnig war, mich darauf einzulassen, ein Vorwort für das Buch zu versprechen, das Sie neu auflegen möchten. Gestern wollte ich mich an die Arbeit begeben und sah zum ersten Mal die abgebildeten Beispiele durch. Auch las ich mit Aufmerksamkeit und steigendem Widerwillen den Text, der diese Bilder begleitet.

Wie ist es möglich, zu dieser geistigen Oberflächlichkeit, der auch ich einst huldigte, einen begleitenden Text zu schreiben? Soll ich anmerken, daß fast alle namhaften Architekten, die diese Bauten entwarfen, sich als Baumeister bereits in der Zeit vor 1933 betätigten, oder daß sie den vorzüglichen Schulen entstammten und dort ihre geistige Heimat hatten, die an den Technischen Hochschulen wirkten. Es seien hier nur Tessenow für Berlin, Bestelmeyer für München, Bonatz und Schmitthenner für Stuttgart, Freese für Dresden genannt.

Sie und ihre Schüler hatten, das ist zuzugeben, keine Bauherren gefunden, die ihre baulichen Ideale in die Wirklichkeit umsetzen ließen, ohne auf die Kosten zu schauen. Vor 1933 mußte gespart werden, und alle Bauwerke, die in diesem Buch gezeigt werden, kosteten viel Geld. Ich schätze, daß ein Zuschlag von fünfzig Prozent zu den Baukosten, die bei einer sparsamen, technisch modernen Bauweise entstanden wären, nicht übertrieben ist.