Die Krise der amerikanischen Landwirtschaft spitzt sich zu

Von Ulrich Schiller

Die Stimmen der Kinder und der Erwachsenen fanden nicht gleich denselben Ton. Schließlich kamen sie doch zusammen, je weiter das gesungene Tischgebet fortschritt: „Der Herr meint’s gut mit mir. Ich danke Dir, daß Du mir gibst, was ich brauche: die Sonne, – den Regen und das Apfelkernmännlein. Amen.“

Es ist das Apfelkernmännlein, das dafür sorgt, daß gesät und geerntet werden kann. Aber wird es in Nebraska weitergehen mit dem Säen und Ernten, so wie das immer war? Viele Farmerfamilien hier müssen sich die Frage stellen, auch in diesem Frühjahr wieder, und etliche in der weiteren Nachbarschaft haben selbst jetzt im April noch kein Saatgut oder Aussicht auf einen Kredit, um es doch noch kaufen zu können. Voriges Jahr pfändeten sie dem Farmer nebenan das Vieh weg; jetzt ist sein ganzer Maschinenpark zur Auktion ausgeschrieben. Farmer Elvin Reetz berichtet es bewegt und mit Bitternis.

Die Familie hat sich zum Abendessen versammelt. Rinderbraten, Salat, Mais und frisches Hefebrot stehen auf dem Tisch. Elvins Vorfahren waren zum Ende des vorigen Jahrhunderts aus Stolp in Pommern eingewandert, die seiner Frau Venetia aus der Gegend um Osnabrück. Sie haben das alles mal besucht, auch das heute polnische Stolp. Aber da hat sie keiner verstanden und so wissen sie nicht einmal, ob es wirklich das Vaterhaus war, das sie gesehen haben.

Elvin Reetz bebaut 180 Hektar Land mit Mais und Sojabohnen. An einer der schnurgeraden Landstraßen, die fast alle Staaten des Mittleren Westens aus der Luft wie ein unendliches Schachbrett erscheinen lassen, abseits noch der ohnehin schon im Nichts liegenden Ortschaft Benedict versteckt sich hinter Büschen das Gehöft. Als Elvin Reetz nach dem Zweiten Weltkrieg als Bauer begann, da war die Welt noch in Ordnung. Der Gegenwert eines Autos reichte für den Anfangskredit. Dem ausgemusterten Soldaten halfen Sondergesetze auf die Beine und in die Farmerstiefel. Es ging scheinbar unaufhaltsam aufwärts und die Erinnerungen aus der früheren Kindheit in den dreißiger Jahren an Farmerkrise und Weltwirtschaftskrise verblaßten. Jetzt tauchen sie wieder auf.

Nicht, weil Elvin Reetz selbst unmittelbar in Schwierigkeiten wäre. Er hat keine Schulden. Er hat die Maschinen, die er braucht. Wenn sie repariert werden müssen, besorgt er das selbst. Nur jetzt nicht unnötig Geld ausgeben! Aber seine zwei Söhne, die auch einen Hof bestellen, sind nur um Haaresbreite am Bankrott vorbeigekommen. „Wenn ich keine Ersparnisse gehabt hätte, dann hätte ich die beiden Jungs irgendwohin ziehen lassen müssen“, sagt Elvin und in seiner Stimme schwingt noch immer die Bedrohung mit: irgendwohin ...