Von Susanne Mayer

Ottilie war ein kluges Kind, nur offensichtlich kein bißchen bescheiden. „Was mir vor Marbach allein stets einiges Bangen erweckte, das war des Hauses älteste Tochter Ottilie, welche 1817, zwei Jahre vor mir, geboren“, erinnert sich mit Schauder der Sohn des Waiblinger Oberamtsrichters Mayer. War das Wetter günstig, pflegte der Vater mit dem Nachwuchs in das. Neckarstädtchen hinüber zu wandern, wo man sich im Hause des richterlichen Kollegen Gottlob Christian Ludwig Rooschüz erfrischte. Dies Haus war das Elternhaus der schwäbischen Schriftstellerin Ottilie Wildermuth. Fast zahllos sind die Bände ihres Werks, das die Vorfahren verschlangen; noch heute thront ihr Name oben im Kanon der schwäbischen Allgemeinbildung. Gelesen wird sie kaum. Eine Ausstellung im Marbacher Literaturarchiv dokumentiert Leben und Werk der Schriftstellerin.

Die kleine Ottilie war dem kleinen Karl – und den großen schmerzt es noch 1887, zehn Jahre nach Ottiliens Tod – sie war ihm „in allem Wissen und Können weit voraus und überlegen, und namentlich im Lateinischen, das sie gleich einem Knaben erlernt hatte, (trat sie) gern als nicht leicht zu befriedigende Examinatorin auf. Aus solchen Verhören ging ich armes Waiblinger Schulkind regelmäßig gedemütigt hervor“, jammert Karl Mayer in der Züricher Post, Nummer 202. Sein Artikel sollte der Schriftstellerin eigentlich huldigen. Armer Karl, arme Ottilie. Man fragt sich: Woher hatte das Mädchen das nur?

Es muß, legt die Ausstellung in Marbach nahe, in jenem behäbigen Bürgerhaus passiert sein. Mächtiges Walmdach. Zwei dichte Reihen Fenster. Das Photo aus dem Jahr 1920 zeigt ordentlich aufgeklappte Läden, drei Fahnenstangen im Putz. Am weißen Lattenzaun lehnt ein üppiger Busch. Die „ausgesuchten Früchte aus den Gärten des Amtsgerichts“ hat der Bub Karl denn auch in uneingeschränkt positiver Erinnerung behalten.

Die Pfirsiche und Aprikosen, die Äpfel und Pflaumen waren Leckerbissen, kleine Aufmerksamkeiten, die im Körbchen an die Frau Nachbarin gingen oder den verehrten Kollegen, Früchte einer kultivierten Lebensart wie die silberne Pfennigbüchse der Gemahlin oder der Tauflöffel des Töchterchens, die zu bewundern sind. Man war wer, man ließ sich porträtieren. So mag Ottiliens treuherziges Gesicht, eine hübsche Radierung, die in Marbach zu sehen ist, früher in der Wohnstube neben dem Ölbildnis der „Urahnin“ gehangen sein, der die Urenkelin später ein literarisches Denkmal setzte. Nur, wie die Schriftstellerin in einer ihrer Geschichten schreibt, man sieht’s einem Gesichtchen eben nicht an, welche Welt hinter den hellsten Augen verborgen liegt.

Ottiliens Horizont reichte über das hinaus, was sie mit den beiden jüngeren Brüdern an Latein, Geographie, Geschichte oder Französisch in Privatstunden lernen durfte. Im Kinderzimmer stand eine stattliche Bücherreihe, mehr Bände waren in Vaters Bibliothek zu finden. Und so gab es ein Zauberwort, das „Kenilworth“ hieß und im lieblichen Ländle die finsterste Weite der schottischen Highlands aufriß. In Spanien kämpfte Herders „Cid“, es ging um Ehre und Tugend, es ging in Marbach natürlich auch immer um den Sohn der Stadt, um Schiller.

Ottilie aber schwärmt für Lyrik. Sie liest Uhland und Kerner, sie fängt selber an zu dichten. Ein wunderliches Kind in einer Stadt, wo Mädchen, schreibt sie später, „alle Zeit wenig gelesen außer Erbsen und Linsen“. Allerdings nur wenig wunderlicher als der Vater Amtsrichter selber, der die Rosenzucht mehr liebte als die Paragraphenreiterei und sich zudem, zum Ergötzen der Kollegen, den Ruf eines Kunstsammlers andichtete.