Von Robert Leicht

Der Schaden an der Gefängniswand war geringer als der, den der Rechtsstaat davontragen wird. Acht Jahre nach ihrer staatlichen Zündung gewinnt die Celler Bombe eine politische Brisanz, die ihre konventionelle Sprengkraft weit übersteigt. Schwer zu sagen, was empörender wirkt: Die selbstherrliche Mißachtung rechtlicher Grenzen oder die subalterne Fehleinschätzung politischer, psychologischer und kriminalistischer Gegebenheiten, die Dreistigkeit also – oder der Dilettantismus. Ohne das eine wie das andere läßt sich auch heute noch nicht der hanebüchene Versuch erklären, auf dem Umweg über eine von Beamten angerichtete „Vorzeigetat“ einen freigesetzten Strafhäftling als Spitzel in die RAF-Szene einzuschleusen.

Sicherlich, heute macht es sich manch einer leicht, gelassener über die terroristische Bedrohung zu räsonieren, die in den siebziger Jahren nicht nur die verantwortlichen Politiker und Beamten umgetrieben hat – und die auch jetzt noch nicht abzutun ist. Aber damals wie heute galt und gilt: Eine erfolgreiche Fahndung nach Terroristen sowie die vorbeugende Verhinderung ihrer Aktionen hängt – wie bei vergleichbaren Verbrechen – weitgehend davon ab, ob es gelingt, Informationen aus der Gruppe selbst zu erhalten. Deshalb ist die fragwürdige Figur des V-Mannes an sich notwendig und in Grenzen legitim. Wer die damaligen Zeiten plastisch in Erinnerung behalten hat, wird sich jetzt nicht blasiert auf ein ästhetisches Unbehagen am Fahndungsgeschäft zurückziehen.

Doch damit ist jene absurde Inszenierung des niedersächsischen Verfassungsschutzes mitnichten gerechtfertigt. Im Gegenteil: Erst wenn man die Notwendigkeit und das Motiv anerkennt, tritt die Unverantwortlichkeit der Planung und der Tat in aller Schärfe zutage.

Die Dreistigkeit: Mit diesem vorgetäuschten Terroranschlag hatte der Staat den Staat hinters Licht geführt. Beamte ermittelten hernach, ohne es zu ahnen, gegen Beamte. In den kriminalistischen Arbeitsgruppen zerbrach man sich den Kopf – Mitwisser saßen schweigend dabei. Man stelle sich nur vor, während einer anschließenden Ringfahndung wäre den Polizisten ein tödliches Mißgeschick unterlaufen – und hinterher die Wahrheit ans Licht gekommen! Der Generalbundesanwalt, der Bonner Justizminister, der Präsident des Bundeskriminalamtes, der Kanzler – sie alle tappten damals im dunkeln. Ob der Bundesinnenminister im Detail informiert war, bleibt zweifelhaft. Und ob Ministerpräsident Albrecht wirklich vorher alles wußte oder verspätet in die vollen geht, muß sich erst noch herausstellen.

Der damalige Bundeskanzler prägte das Wort, der Rechtsstaat müsse zu seiner Verteidigung bis an die Grenzen des Rechts gehen. In diesem Fall wurden die Grenzen überschritten. Daran hätte auch eine vollständige politische Absicherung nichts geändert. Daß sie in Wirklichkeit gezielt verhindert worden war, unterstreicht den Befund: Dies war in erster Linie ein selbstherrliches Abenteuer der Geheimdienste – im Wettbewerb mit Strafverfolgern und untereinander.

Der Dilettantismus: Wer nur ein einigermaßen realistisches Bild von der inneren Verfassung der RAF hatte, konnte niemals auf den Gedanken kommen, ein vorher völlig unpolitischer Bombenleger könne bei der Zielgruppe „glaubwürdig“ wirken und sich ihrem Kern nähern. Hätte der V-Mann den Weg dorthin tatsächlich gesucht, er wäre in tödliche Gefahr geraten. Wie sollte er ideologisch mithalten, sein technisches Know-how und seine Sprengstoffquellen reproduzieren können? Das Risiko, daß dieser Mann entlarvt, gar liquidiert worden wäre, war enorm. Der falsche Mann, das falsche Ziel, die falschen Mittel – das ist alles, was man dazu sagen kann.