Bundesweit strukturell mehrheitsfähig“ sei die SPD, so verkünden die „Johannes-Rau-Briefe“ vom April 1986 frohgemut. Die Demoskopie macht’s möglich. Nach der Lektüre kann man sich die verblüffende Selbstsicherheit Raus besser erklären, mit welcher er behauptet, einen Wahlsieg für die SPD auch ohne Koalitionspartner erreichen zu können.

Das Kölner FORSA-Institut (Gesellschaft für Sozialforschung und Statistische Analyse) hat eben ganz einfach „wissenschaftlich“ ermittelt, daß er es schaffen kann, und die Ergebnisse dem Kandidaten gesteckt. Die Rechnung des Instituts und seines Leiters Manfred Güllner lautet so: Das derzeit der SPD zuneigende Wählerpotential liege bei 47 Prozent; viel, aber nicht genug für die absolute Mehrheit, falls die beiden kleinen Parteien FDP und Grüne in den Bundestag kommen. Dann brauchte die SPD 50,1 Prozent. Woher nehmen?

Fragen Sie FORSA! Rau muß nur die Stammwähler, die Sympathisanten, die Wechselwähler vom linken Rand der CDU und das übrige mobile Wählerpotential aus dem Unionslager hinter sich scharen und das Wahlergebnis des Jahres 1972 ein bißchen verbessern: Schon hätte er 19,6 Millionen Stimmen oder 50,1 Prozent.

Ein wissenschaftliches Werk? Ein später April-Scherz? Oder doch nur heilige Einfalt? Damit jeder weiß, was er zu tun hat und wie groß die Chancen sind, werden in dem Rau-Brief genaue Zahlen darüber veröffentlicht, wieviel Stimmen mehr als bei den Wahlen 1983 die SPD noch zusätzlich gewinnen muß. Zum Beispiel in Hamburg-Mitte nur noch mal 10 320 (insgesamt 89 166); in Bonn 17 386 (80 924 insgesamt); in Böblingen 23 368 (85 736); oder in Rastatt 27 374 (88 167) und so weiter.

Jetzt muß also das Wählervolk nur noch den „wissenschaftlichen“ Berechnungen folgen, die im Kölner Sandkasten angestellt worden sind, sonst verliert Rau die Wahlen und FORSA endgültig seinen Ruf.

Die Opposition in Düsseldorf findet es schrecklich und die FAZ natürlich auch: Der Kandidat Rau läßt sich, wie das Blatt soeben enthüllte, künftig von einem Schweizer Soziologen beraten. Hört, hört!

Danach soll ein Soziologe namens Hermann Drummer Gutachten für die Staatskanzlei erstellen. Aber darum geht es der Opposition gar nicht. Sie will jetzt wissen, von wem, worüber und für wieviel Geld sich die Staatskanzlei des SPD-Kandidaten sonst noch beraten läßt. Man wagt gar nicht, sich das Ergebnis auszumalen. Ein ausländischer (!) Soziologe (!) ist doch wahrlich genug. Igitt.