Ich nehme an, daß mir für meine Rede etwa eine Viertelstunde zur Verfügung steht. Das ist weder absolut betrachtet noch aus persönlicher Sicht besonders viel. Aber fünfzehn Minuten sollten ausreichen, die eigene Vorstellung klar und präzise in Worte Zu fassen, ohne dabei freilich je zu vergessen, daß Worte stets in der Gefahr sind, leer und willkürlich zu wirken. Verzeihen Sie mir also, wenn die Darlegung meiner Gedanken ein wenig wie ein Stenogramm klingt. Für schmückendes Beiwerk ist keine Zeit. Eines der entscheidenden Probleme in bezug auf Südafrika ist es schließlich, daß man bisher gedankenlos, kurzsichtig, ja auf verbrecherische Weise viel zuviel Zeit verschwendet hat.

Hinzukommt, daß man in Südafrika oder in Azania bis zum Erbrechen redet, um Panik, Entfremdung, Verzweiflung und Stagnation zu übertönen. Wir waren schon immer groß, wenn es ums Reden ging – besonders wir Schriftsteller mit unseren schönen Floskeln, unserer verbalen Augenwischerei, unserem weißen Gerede von Grundfreiheiten und unseren kraftlosen Deklamationen und Ausreden ... Südafrika ist das Land des Geredes.

Deshalb bleibt keine Zeit, „beide Seiten des Problems ins Auge zu fassen“, und noch weniger Zeit bleibt für den Hinweis auf „die Ausnahmesituation der Weißen in Südafrika“ – der ohnehin unsinnig ist. Was der Weiße in diesem Land seinen südafrikanischen Landsleuten angetan hat, antut und weiter antun wird, ist eine ebenso alte wie vertraute Ungeheuerlichkeit. Unrecht, Unersättlichkeit und die moralische Pose sind aus der Geschichte hinlänglich bekannt und bei vielen Völkern auch heute gängige Praxis. Die Beispiele reichen – mit kleinen Variationen – vom wollüstigen Schwachsinn eines Marcos, eines Papa Doc oder eines Idi Amin bis hin zum autoritären System einer englischen Mother Doc.

Unterscheidet sich das Phänomen Südafrika von alledem nur graduell? Nein, denn der Beitrag der weißen Südafrikaner zum Reichtum des geistigen Erbes unserer Welt ist von besonderer Art: Sie haben den Rassismus zum Idealzustand erklärt und ihn dann zum Sakrament des Götzendienstes Apartheid gemacht. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Tatsache, daß wir der Apartheid zur Macht verhalfen, und dem Umstand, daß wir dann in ihre Macht gerieten und deshalb jetzt in dem endlosen Netz eines bürokratischen Totalitarismus gefangen sind. Selbst unser Denken und Träumen ist unweigerlich von seiner versteinernden Macht geprägt, von einer arroganten Minderwertigkeit, einem erschütternden Anderssein. Unsere Verkommenheit hat nicht ihresgleichen, und unsere Selbstzerstörung ist unaufhaltsam.

Wenn von Träumen und Gedanken die Rede ist, dann muß auch vom Schreiben die Rede sein. Und damit komme ich auf den Grund meines Hierseins zurück. Man sollte sich nachdrücklich bemühen, das, was man zu sagen hat, sorgfältig auf seine Zuhörer zu beziehen.

Viel Blut ist geflossen, seit ich das letzte Mal öffentlich in Pretoria aufgetreten bin, bevor ich höchst unsanft unterbrochen wurde. Natürlich bin ich inzwischen etwas älter geworden, Schnecken haben ihre Visitenkarte in meinem Bart hinterlassen und meine Gesten haben eine gewisse Schwerfälligkeit. Ein anderer wichtiger Punkt – einer, der mit der Apartheid zu tun hat – ist, daß man sein Ich als doppelgesichtig erlebt. Die Apartheid steht zwischen mir und meiner Menschenwürde, meiner Selbstachtung. Und wenn man den Vorzug genießt, zur Vernunft gebracht worden zu sein, dann wird das ganze Leben zur Suche nach Integration und Akzeptanz. Auch ich schleppe meinen Schatten mit mir herum, wohin ich auch gehe – den weißen Südafrikaner in mir. Und ich kenne die Gefahr – und möchte meine Schriftstellerkollegen vor ihr warnen –, die darin liegt, daß man sich allzu ausgiebig der Selbstkasteiung und den eigenen Widersprüchen widmet: zum Opfer zu werden, ist in der Tat eine sinnliche Versuchung. Und ganz nebenbei fragt man sich, ob die Hingabe, mit der man sich hierzulande Begriffen wie „de-construction“ und anderen von jenseits des Ozeans importierten Kreuzworträtseln widmet, letztlich nicht auch bloß ein Symptom des Apartheid-Deliriums ist.

Als man mich einlud, hierher zu kommen, befragte ich mein Herz und versuchte, die zittrigen Linien dieser Hand zu erforschen, die weder Fisch noch Fleisch ist. Warum noch einmal in das geliebte Land zurückkehren? Aus Masochismus? Um dem eigenen Ich die Zunge herauszustrecken Um Ärger zu provozieren? Um den Narren zu spielen? Wegen des Traumas, der Wunde, die sich niemals zu schließen scheint? Um gegen den weißen Südafrikaner in mir aufzubegehren, der sich so störrisch weigert, Ruhe zu geben?