Von Dietrich Strothmann

Herakles, so geht die griechische Sage, bezwang – als eine der zwölf Aufgaben, die ihm das delphische Orakel stellte – die neunköpfige Hydra von Lerna. Das ist die Märchenversion. Aber auch in der Wirklichkeit wachsen dem schon oft mit dem altertümlichen Fabelungeheuer verglichenen arabischen Terrorismus – gleichviel, ob sich ihm die Israelis entgegenstellen oder neuerdings die Amerikaner – immer neue Köpfe nach.

In der jüngsten Ausarbeitung des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz zur aktuellen Unterrichtung von Innensenator Rolf Lange, gestützt auf neue Erkenntnisse westeuropäischer Geheimdienste, heißt es lapidar: „Die größte Gefahr (auf dem Gebiet des Terrors) geht von palästinensischen Terroristen, künftig möglicherweise auch von terroristischen Schiiten aus.“ Als Ziele wurden in dem Lagebericht vornehmlich „deutsche Objekte“ genannt, die Beziehungen zu Israel unterhalten, aber auch „amerikanische Personen und Einrichtungen“ in der Bundesrepublik. Es wird hervorgehoben, daß die Attentäter vor allem durch „spektakuläre Aktionen eine publizistische Wirkung für ihre politischen Belange“ erreichen wollen; daß sich „bei den Schiiten“ eine „zusätzliche Gefährdung“ durch ihre bedingungslose Bereitschaft ergibt, „in selbstmörderischen Aktionen ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen“.

Weder die RAF-Terroristen noch gar rechtsextremistische Gewalttäter, die in den Jahren zuvor die Attentatsszene bestimmten, stellen nach Ansicht der Verfassungsschützer die große Bedrohung dar. Der Palästinenser, der in der Wartehalle eines Flughafens wild um sich schießt, der schiitische Selbstmörder, der sich in der Passagiermaschine während des Fluges mit seiner Bombe in die Luft sprengen läßt – sie sind die typischen Terroristen unserer Tage. Gewalt als Rache, als Strafe ausdrücklich auch gegen Unschuldige, Unbeteiligte – Hauptsache, die Welt schreckt auf, wird in Angst versetzt, reagiert (wie die Amerikaner im Vergeltungsfall Libyen) unangemessen, läßt sich durch kühl geplanten Mord an seine „Mitschuld“ am palästinensischen Schicksal erinnern, nimmt überhaupt das „Unrecht“ am palästinensischen Volk wahr. Arabische Gewalt braucht die Publizität wie ein Lebenselixier, sie folgt den Grundsätzen des Überstrategen Mao ebenso wie den Leitsätzen eines McLuhan, des amerikanischen Medien-Lehrmeisters.

Abu Nidal zum Beispiel, seit langem schon der am meisten gesuchte Terrorist, mit Sitz in Damaskus und in der von den Syrern kontrollierten Bekaaebene im Ostlibanon, hat letztes Jahr in einen Spiegel-Gespräch, drei Ziele seiner Gewaltstrategie genannt:

  • „Für mich wäre es das Verbrechen, daß diese Zionisten unsere Heimat lebend wieder verlassen.* Er will also den Staat Israel auf der Landkarte ausradieren.
  • „Zwischen den Amerikanern und uns gibt es Krieg auf Leben und Tod.“ Er, der David, will also selbst den Goliath, die Supermacht Amerika, herausfordern. Außerdem sagt er gleich noch Franzosen und Engländern den Krieg an.
  • „Wir Palästinenser und Libanesen werden Zünder für den Kampf aller Araber gegen die Zionisten sein.“ Er will durch seine Aktionen also auch die arabische Einheit „herbeibomben“, und sei es auf Kosten seiner Intimfeinde: Jassir Arafat, der PLO-Chef, Hussein, der jordanische König, und Hosni Mubarak, der ägyptische Präsident.

Der großsprecherische Abu Nidal? Wahnvorstellungen eines kranken Hirns? Natürlich nehmen arabische Terroristen, ob in den Zeitungsspalten oder auf den Fernsehkanälen, meist den Mund zu voll. Das gehört, wie die überraschende, aufsehenerregende Bombenexplosion, das Massaker mit der Kalaschnikow oder der Handgranate, die Kaperung eines Luxusschiffes oder eines Jumbojets, inzwischen zum Terrorrepertoire.