NewYork, im April

Es wäre sicherlich leichter gewesen, den Montblanc zu besteigen, als nach Fritz Kolbe und seiner Geschichte zu suchen“, erinnert sich heute der amerikanische Journalist Edward Morgan. Bevor sein Artikel im Juli 1950 in einem amerikanischen Magazin endlich erscheinen konnte, hatte er monatelang Westeuropa durchkreuzt. Obwohl es der ehemalige Mitarbeiter von Allen Dulles im Berner OSS-Büro, Gerald Mayer, gewesen war, der Morgan im Herbst 1949 wärend eines Abendessens in einem Pariser Bistro auf die Spur des OSS-Agenten „George Wood“ gesetzt hatte, erfuhr er erst Monate später, durch einen Kontakt in der Schweiz, dessen wahre Identität und Adresse. Noch fünf Jahre nach Kriegsende hielt der amerikanische Geheimdienst in Europa das Leben von Wood alias Kolbe für gefährdet.

Morgan traf Fritz Kolbe, der ein Interview zuerst strikt abgelehnt hatte, das erstemal im Taunus, dann noch zweimal in Frankfurt. „Kolbe war es lieber, meine Recherchen über seine Tätigkeit zu verifizieren, als eigene Informationen zu liefern. Dieser Mann redete einfach nicht gerne über sich selbst. Er war sehr freundlich, verhehlte aber nicht seine Enttäuschung über die politische Entwicklung in Bonn“, sagt Edward Morgan.

Noch 1968 hat Allen Dulles den Artikel über Kolbe in seine von ihm redigierte Sammlung „Großer wahrer Spionage-Geschichten“ aufgenommen. Das spricht für die Echtheit der von Morgan zusammengetragenen Fakten.

„Ohne Kolbe wäre Dulles später niemals CIA-Direktor geworden. Er hat als OSS-Chef in Bern dem kleinen glatzköpfigen Mann aus dem Auswärtigen Amt geglaubt, und so wurde Kolbe, entgegen allen Befürchtungen in Washington, er sei ein ‚agent provocateur‘, die ertragreichste Nachrichtenquelle der Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg“, sagt Mary Bancroft und fügt lachend hinzu: „Nicht einmal mir hat Dulles damals etwas über seinen großen Fang erzählt.“ Dulles, so erzählt die 82jährige, sei in der Berner Zeit nämlich nicht nur ihr Liebhaber gewesen, sondern auch ihr Auftraggeber: Sie mußte die Strategien und politischen Ziele der deutschen Widerstandsgruppen auskundschaften.

Ihr Einsatz begann 1942, als sich in ihrer Züricher Wohnung ein „Dr. Bernhard“ meldete, für den sie ein Manuskript ins Englische übersetzen sollte. „Dieser vornehm und arrogant wirkende Herr war Hans Bernd Gisevius, ein V-Mann der Abwehr und einer der wenigen Verschwörer, die den 20. Juli überlebt haben. Er wollte seine Memoiren für ‚den Tag danach‘ auf englisch parat haben.“

Mary Bancroft, aus einer alten Familie in Boston stammend und seit Mitte der dreißiger Jahre mit einem Schweizer verheiratet, entwickelte sich für Dulles zu einer idealen Kontaktperson, die „das wirklichkeitsfremde Gedankengut“ der Opposition gegen Hitler frühzeitig auszuwerten verstand. In ihrer vor drei Jahren erschienenen „Autobiographie einer Spionin“ gibt sie die vielen Gespräche mit Gisevius wieder, bei denen es so oft um die feine Linie ging, die man als Deutscher zwischen Widerstand und Landesverrat zu ziehen habe. Schon damals, so empfand sie, wie eben auch Dulles, hätten die Canaris-Leute oder der Kreisauer Kreis zuviel Kraft und Phantasie in die Zukunftspläne für die Zeit nach Hitler und an ihre eigene Machtposition im neuen Deutschland verschwendet. „Ganz zu schweigen von der naiven Vorstellung, die westlichen Alliierten würden sich jemals mit der deutschen Armee gegen Stalin verbünden.“