Krakau, fünf Uhr morgens. Die letzten Gäste verlassen das Kellertheater „Unter den Hammeln“. Piotr Skrzynecki, der Nestor des polnischen Kabaretts, dem Typ nach ein Bohemien, steht am Ausgang und reicht jedem Gast die Hand. Im fahlen Morgenlicht vor der Kulisse der Tuchhallen wirkt seine Gestalt wie aus einem anderen Jahrhundert, mystisch und weit entfernt. Seine Stimme klingt brüchig: „Ihr kommt doch wieder? Nicht wahr, im nächsten Jahr seid ihr wieder meine Gäste?“ Die jungen Leute, alles Studenten, nicken und umarmen ihn ein letztes Mal. Die Eleven des Kabaretts kehren in ihre Heimatstädte zurück. „PaKA“, das Studenten-Kabarett-Festival 1986, ist zu Ende.

Drei Tage lang hatten sich elf Gruppen aus ganz Polen dem Urteil der Jury und des Publikums gestellt. Die Bilanz: achtzehn Stunden zu wenig Schlaf, ein ungutes Gefühl in der Magengegend – wann habe ich das letzte Mal gegessen? – und sehr gute Laune.

„Es bewegt sich etwas im Lande“, hört man die Kulturredakteure in Funk und Fernsehen munkeln. Und tatsächlich: allerorten lebt die Kultur auf. Die Wunden des „Krieges“, wie die Polen selbst die „Zeit der Strafe“ vom Dezember 1981 bis Mitte 1983 nennen, vernarben, das schweigende Entsetzen weicht der kritisch-intellektuellen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Doch warum so ernst? Neodebilismus ist angesagt! Oder: was geschieht, wenn Kowalski, der Bürger eines sozialistischen Staates, stirbt? Er kommt in den Himmel. Natürlich! Er gibt Schnürsenkel, Gürtel und Krawatte ab und bekommt dafür ein weißes Nachthemd, einen Stapel Noten (er wird demnächst im Männerchor singen) und ein Paar Flügel. Die muß er allerdings unter dem Arm tragen, bis die nächste Ladung Pech eintrifft. Pech im Himmel? Das erstaunt Kowalski doch. „Daran ist absolut nichts merkwürdig“, sagt der beamtete Oberengel, „die Interessen der Wirtschaft müssen schließlich nicht mit denen der Ideologie übereinstimmen! Oder?“

Planwirtschaft und programmierte (?) Krise, Politik und Ethik, Ideologie im Alltag – das sind die beherrschenden Themen, wenn Ironie, das Grotesk-Komische oder das Absurd-Witzige zum Zuge kommen. Schwarz, satirisch und bissig wird der Humor, wenn es um Technik und Fortschritt geht oder aber um die Situation der Jugend in Polen.

Ein Herr in weißem Kittel erscheint auf der Bühne, ein Forscher ganz offensichtlich. Er hält einen todernsten Vortrag, der nur aus Andeutungen und angedeuteten Andeutungen besteht. Das Publikum lacht. Man versteht sich. „Die Technik, meine Damen und Herren, macht unglaubliche Fortschritte. Letztens – sie haben sicher davon gehört – haben sie sogar eine Rakete gestartet, die nicht nur in eine, sondern in alle Richtungen zugleich geflogen ist.“ (Der Challenger-Unfall wir in ganz Polen das interessanteste Thema der letzten Wochen.) Der Forscher stellt den neuesten polnischen Computer vor – mit Kurbel und Fahrradklingel. Pflegeanweisung: viel Öl, und oft abstauben, außerdem – Liebe!, „denn so ein hochentwickeltes, empfindliches Gerät spürt, ob es geliebt oder nur benutzt wird“; in diesem Fall nämlich verweigert es den Dienst und klappt in sich zusammen. Flopp, Ende.

Die Perspektiven der Jugend in Polen sind nicht eben rosig. Nach dem Studium steht die Rückkehr ins Elternhaus an, das zehn- bis zwölfjährige Warten auf eine eigene Wohnung, eine Arbeit, oft weit unterhalb der erreichten Qualifikation, ein Anfangsgehalt, das gerade für Brot und Butter reicht. Was tun bei solchen Aussichten? Den Kopf in den Sand stecken? Die Verzweiflung im Wodka ertränken? Sich mit Discoflimmer behängen und bis zur Ekstase tanzen? Nein! Die Gruppe „Potem“ aus Zielona Gòra (Grünberg) ging in die Offensive: „Mach Kabarett, laß dich nicht unterkriegen und mach Kabarett!“ Ein Hit war geboren, nein, eine Hymne! Das Publikum klatschte begeistert, anhaltend und unerbittlich. Immer wieder mußte das Lied wiederholt werden, bis schließlich auch der Letzte im Saal mitsingen konnte: „Mach Kabarett, laß dich nicht unterkriegen, mach Kabarett!“

PaKA, das Studenten- Kabarett-Festival in Krakau, ist auf dem besten Wege, neben der größten studentischen Veranstaltung des Landes, dem Liederfestival in Krakau, den respektablen zweiten Platz einzunehmen. Daß gerade Krakau die studentische Kulturszene in Polen beherrscht, ist symptomatisch für diese Stadt, deren historischer Anspruch, nicht die Vor-, sondern die Frei-Denker des Landes zu stellen, niemals erloschen ist. Für Niveau und Qualität bürgte das erlesene Jurorengremium, das dank der Kontakte, die die Studenten zur kulturellen Avantgarde Polens pflegen, zustande kam. Zu ihnen zählte nicht nur Piotr Skrzynecki, sondern auch Jacek Fedorowicz, der Satiriker des Landes, berühmt insbesondere für seine ironisch-bissigen Zeichnungen, und Andrezj Drawicz, ehemals Mitglied der in den fünfziger und sechziger Jahren berühmten Kabarettgruppe STS, heute Philologe an der Jagiellonen-Universität in Krakau. Die Zunft der Liedersänger und -texter schließlich waren durch Maciej Zembaty und Wojciech Mynarski vertreten.