Von Alexander Rost

Vorweg geht eine Kundgebung: „Sport braucht Jugend – Jugend braucht Sport“, was der Riege der Grußwortüberbringer aus der Politik sicherlich kein Kopfzerbrechen bereiten wird, auch wenn solche fanfarenhafte Parole ein Echo provoziert, dessen Resonanz- und Räsonierwände der Lehrstellenmangel und die Jugendarbeitslosigkeit sind; und den trainierten Grundsatzrednern in der Sportbewegung macht dieses Motto ohnehin keine Mühe.

Alsdann kommt die, so korrekt bezeichnet, „Ordentliche Mitgliederversammlung (Bundestag) 1986 des DSB“, am Wochenende in Saarbrücken, zu ihrer ureigenen Sache, zu Punkt 11 der Tagesordnung schließlich: den Wahlen, die diesmal auch außerhalb der Sportfunktionärskreise Aufmerksamkeit erregen. Der DSB, der Deutsche Sportbund, mit mehr als 19 Millionen Männern, Frauen, Kindern die größte deutsche Organisation, wechselt sein Führungsteam teils um, teils aus.

Aus gesundheitlichen Gründen, die in diesem Fall keine Ausrede sind, tritt Willi Weyer, 69jährig, als Präsident des DSB zurück. Er habe, sagt er, und auch das ist keine Floskel, trotz allfälligen Ärgers „sehr viel Freude“ empfunden, aber auch „sehr viel Kraft verbraucht“, wofür die rund 12 000 Kilometer, die er im Monatsdurchschnitt quer durch die Lande unterwegs war, durchaus ein Indiz sind.

Sein Nachfolger wird zweifellos, zumal es keinen Gegenkandidaten gibt, Hans Hansen, bisher einer der drei Vizepräsidenten. Als Journalist namenlos, Pressereferent des schleswig-holsteinischen Landtags, von seinem Beruf praktisch allerdings seit langem freigestellt, ist er das, was man ohne eine Spur von Häme den perfekten Sportfunktionär im Ehrenamt nennen darf. Seine „Hausmacht“ ist eher der Landessportverband Schleswig-Holstein als der Deutsche Fußballbund, in dessen Präsidium er ebenfalls sitzt. Sein Ansehen entspringt der verbindlichen, aber auch verpflichtenden Art seines Umgangs mit Menschen aller Gesellschaftsschichten und politischen Couleurs. Sein Wissen und sein Können, auch in fernen Winkeln der Sportpolitik und -bürokratie, sind professionell. Seine Rednergabe ist nicht gerade die eines Demosthenes; doch auch das stärkt die Sympathien für ihn, Er sagt weniger, als er handelt.

Hans Hansen wird der vierte gewählte Präsident des DSB sein. Der erste war Willi Daume, der damals, 1950, eines der wenigen gelungenen deutschen Einigungsvorhaben besiegelte. Die Friedrich-Wildung- und die Ludwig-Wolker-Plakette, benannt nach führenden Funktionären in der Arbeiter- und der katholisch-kirchlichen Sportbewegung, zu verleihen aus Anlaß des Sportbundestags, erinnern noch an die verschiedenen und vom „bürgerlichen“ Sport oft gegnerisch unterschiedenen Vorfahren des DSB. Daß man sich nach dem Krieg und den Reichssportführerzwängen auf den Zusammenschluß in einem einzigen Sportdachverband einigen konnte, war übrigens nicht zuletzt das Verdienst des letzten Generalsekretärs des Arbeitersportverbandes, des Vaters der SPD-Politikerin Annemarie Renger.

Auf Willi Daume folgte Wilhelm Kregel, ein Mann des Deutschen Turnerbundes, der, wie Willi Weyer rückblickend urteilt, „in leistungsfeindlichen Jahren“ eine beharrliche Sportpolitik des Bewahrens betrieb, bis er krankheitshalber seinen Abschied nahm. Interimistisch wurde der DSB von Hans Gmelin geleitet, dem Vorsitzenden des Landessportverbands Baden-Württemberg. 1974 wurde Willi Weyer, seit 1957 Präsident des Landessportbunds Nordrhein-Westfalen, des mitgliederstärksten Sportlandesverbands, zum DSB-Präsidenten gewählt. Zwei Jahre zuvor hatte er, weil er als „zu politisch“ galt, die Mehrheit nicht erreichen können.