Im Juli 1978 versuchte der Verfassungsschutz einen V-Mann in die „Rote Armee Fraktion“ einzuschleusen. Erst jetzt werden Einzelheiten des abenteuerlichen Unterfangens bekannt. Enthüllungen in Niedersachsen: Wer plante den vorgetäuschten Terroranschlag in Celle – und wer war eingeweiht?

Von Hans Schueler

Am Donnerstag vergangener Woche, knapp zwei Monate vor der Landtagswahl in Niedersachsen am 15. Juni, ging die Bombe ein zweites Mal hoch – diesmal politisch. Der Landtag im hannoverschen Leineschloß debattierte über den Abschlußbericht seines Untersuchungsausschusses in der V-Mann-Affäre Werner Mauss alias „Claude“, eines Dunkelmannes, der unter anderem auch für den niedersächsischen Verfassungsschutz gearbeitet hatte. Man wisse ja noch immer nicht, ließ sich der Grünen-Abgeordnete Georg Frack vernehmen, wer damals, im Sommer 1978, die Bombe an der Celler Gefängnismauer gelegt habe. Ein CDU-Parlamentarier, Mitglied des Innenausschusses, suchte den Kollegen von der Opposition zu bremsen: „Lassen Sie doch um Gottes willen die Finger von dieser Sache!“ Doch nun wollte es Fruck erst recht wissen: Ob daran wohl auch der Verfassungsschutz beteiligt gewesen sei?

Spätestens in diesem Augenblick begriffen die Abgesandten des Ministerpräsidenten Ernst Albrecht auf der Regierungsbank des Landtags, daß ein bis dahin als Staatsgeheimnis gehütetes Spektakel nicht länger unter der Decke zu halten war. Am Freitagmorgen stand es denn auch mit nahezu allen wesentlich Details in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung zu lesen. Der Rechercheur des Blattes kannte den Sachverhalt schon seit längerem; nun drohten ihm andere mit der Enthüllung zuvorzukommen:

Beamte des niedersächsischen Verfassungsschutzes hatten in der Nacht vom 24. zum 25. Juli 1978 einen Sprengstoffanschlag auf die Justizvollzugsanstalt Celle unternommen, um eine von Terroristen der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) versuchte Befreiungsaktion vorzutäuschen und auf diese Weise einen Informanten in die RAF einzuschleusen. Im Celler Sicherheitstrakt saß damals der wegen mehrfachen Bankraubes rechtskräftig verurteilte Sigurd Debus, den die Terror-Spezialisten im Bundeskriminalamt (BKA) und jedenfalls die hannoverschen Verfassungsschützer für ein Kernmitglied der RAF hielten.

Debus’ Haftzelle lag an der rückwärtigen, der Straße abgewandten Seite der Haftanstalt, dicht über der Uferböschung der Aller. Gegen Mitternacht des 24.Juli sicherten etwa ein Dutzend Verfassungsschutzbeamte den der Stadt zugewandten Teil der Haftanstalt. Sie hielten untereinander Funkkontakt. Ihre Zentrale war ein unauffällig geparkter „Basiswagen“, besetzt von einem Ministerialrat aus dem Innenministerium und zwei Hauptkommissaren (in Niedersachsen ist der Verfassungsschutz eine Abteilung des Innenministeriums; die Beamten des gehobenen und höheren Dienstes haben Polizei-Dienstgrade).

Am jenseitigen Allerufer hinter der Anstalt hielt sich das Sprengkommando verborgen. Die Sprengstoffexperten hatten ein mehrere hundert Meter langes Kabel bis unter eine Eisenbahnbrücke ausgelegt, die flußabwärts über die Aller führt. Als gegen zwei Uhr nachts Polizeibeamte gemeinsam mit Vollzugsbeamten die Außenmauern kontrollierten, bemerkten sie nichts. Der Verfassungsschutz hatte die Sprengung auf 2.50 Uhr festgesetzt. Der Sprengsatz wurde Von einigen Männern – vermutlich mit einem später aufgefundenen Schlauchboot – über die Aller transportiert und an der Mauer unweit der Zelle von Debus deponiert. Ein erstes Zündkommando, vom Basiswagen aus gegeben, funktionierte nicht, weil das Funkgerät ausgefallen war. Erst um 2.54 Uhr ging die Ladung hoch. Sie riß unter enormen Getöse ein etwa anderthalb Quadratmeter großes Loch in die rückwärtige Mauer. In der Anstalt schrillten die Alarmglocken, an den Außenmauern leuchteten die Suchscheinwerfer auf. Wenig später erschien die Celler Polizei am Tatort. Aber die Täter waren auf und davon; nur das Schlauchboot lag am Allerufer. Im Gras der Uferböschung wurde später eine Pistole vom Typ Walter PPK 7.65 Millimeter gefunden, wie sie von der Polizei verwendet wird.