Von Cordt Schnibben

Bremen

Die Stadt ist pleite, Schulen und Kindergärten schließen. Immer mehr Bremer verlassen die Stadt, ziehen ins Umland oder in den Süden, 16 Prozent haben keine Arbeit. Aber Bremen hat Rudi Völler! Hatte Rudi Völler, bis ihn ein Bayer auf den Operationstisch foulte. Doch Bremen ist die Nummer 1 im deutschen Fußball! War es, bis in letzter Minute Bayern den Meistertitel raubte. Wer glaubt, am vergangenen Samstag, am letzten Spieltag der Bundesliga, sei es lediglich um Fußball gegangen, versteht nichts vom Fußball.

Um 15.30 Uhr war Bremen eine hoffnungsvolle Großstadt, bettelarm zwar, aber auf dem Wege zum Thron. Grün-weiß die Straßen, grün-weiß die Schaufenster, grün-weiß die Bürger, grün-weiß der Bürgermeister. Um 17.15 Uhr war Bremen ein trostloser Ort. Grau, regnerisch, menschenleer. Bettelarm. In den 105 Minuten dazwischen verspielte Werder Bremen im fernen Stuttgart alles – die Meisterschaft, die Hoffnung und eine halbe Million Mark Prämie.

Um 17.20 Uhr hören die Bremer an den Radiogeräten ihren Libero sagen: „Fußball kann so bitter sein.“ Um 17.30 Uhr erklärt der Vereins-Vizepräsident: „Der ganz große Schritt gelingt uns Bremern einfach nie. Das ist tragisch.“ Um 19.30 Uhr stellt der Bürgermeister fest: „Bremen hat die sympathische Elf, die alle mögen. München hat das Geld, um sich eine Millionen-Elf zusammenzukaufen. Das ist der Unterschied.“ Um 22.30 Uhr gesteht der Mannschaftskapitän: „Was mir so weh tut ist, daß die arroganten Bayern sich jetzt wieder für die Größten halten.“

Seit Jahren stemmen sich die Bremer dem Nord-Süd-Gefälle entgegen. Der Bürgermeister, der Trainer, die Spieler, die Abgeordneten – alle. Zweimal gelang ihnen Spektakuläres: 1978 lotste Hans Koschnick einen Teil der Daimler-Benz-Produktion von Stuttgart nach Bremen. Das Zweigwerk in der Hansestadt wurde ausgebaut, 5000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Das kostete die Landesregierung 400 Millionen Mark. 1982 holte Werder den Mittelstürmer Rudi Völler von München nach Bremen – die Landesregierung bürgte für ein Darlehen in Höhe von einer Million Mark. Und Werder war fortan Werbeträger für die Hansestadt, spielte zeitweise sogar in den Landesfarben rot-weiß.

„Sie haben unsere Stadt in aller Munde gebracht. Es gibt keine bessere Werbung für Bremen“, jubelte der Bürgermeister 1983 vom Rathaus-Balkon, als Werder sich zum deutschen Vize-Meister hochgespielt hatte. Bremen war mitten in der Werften-Krise zur Wiege eines neuen Hochgefühls geworden: Überall, wo Werder in der Bundesrepublik aufspielte, bewunderte man den Mut und den Offensivgeist der Spieler aus der Pleitestadt. 1982, nach der 0:0-Weltmeisterschaft, kam aus dem Armenhaus der Republik der neue Fußball: Bedingungslos auf Tore aus, egal ob’s eigene oder fremde sind. Und Rudi Völler, das Investitionsprogramm der Bremer Landesregierung, mauserte sich zum Vollstrecker der Nation.